Sinnvolle Vorüberlegungen für die Auswahl eines geeigneten Lesetextes
Bevor sich Ihre Sprachenlernerinnen und -lerner mit einem Text auseinandersetzen, sollten Sie bei Ihrer Unterrichtsplanung auf ein paar Aspekte Rücksicht nehmen – andernfalls droht eine mögliche Überforderung, die im schlechtesten Falle in eine Sprechhemmung und/oder demotivierende Lernhaltung münden könnte.
Die folgenden Fragen sollen Ihnen als Gedankenimpulse für die Planung Ihres Leseunterrichts dienlich sein:
- Sind meine Schülerinnen und Schüler am Inhalt des Textes/am grundlegenden Thema interessiert?
- Passt der Lesetext zum Alter meiner Sprachenlernenden?
- Ist das Sprachniveau des Lesetextes für meine Sprachlerngruppe passend?
- Sind „Stolpersteine“ (zum Beispiel Redewendungen, umgangssprachliche Wendungen, unbekannte Wörter, komplexe Grammatikphänomene, Fachbegriffe usw.) im Lesetext enthalten?
- Muss ich den Text hinsichtlich des Umfangs und der Sprache reduzieren, sodass ein Verstehen grundlegend möglich sein kann?
- Brauchen meine Schülerinnen und Schüler zum Verstehen des Textes besondere sprachliche Hilfestellungen/Werkzeuge („Scaffolds“)? Wenn ja, in welcher Form möchte ich das meinen Lernenden anbieten (Cluster, Sprechblasen, Wörterliste, Wortspeicher, Mindmap)?
„No-Gos“ beim Lesen im Fremdsprachen/DaZ-Unterricht
Damit Ihr Leseunterricht effektiv und gewinnbringend vonstattengehen kann, dürfen genau zwei Dinge nicht passieren:
- Die Schülerinnen und Schüler lesen Satz für Satz abwechselnd: Das Textverständnis wird extrem beeinträchtigt, denn die Kinder und Jugendlichen konzentrieren sich in erster Linie auf den Vortrag, nicht auf den Inhalt.
Anmerkung: Ausgenommen ist hierbei die Auseinandersetzung mit einem Dialog, denn bei der Dialogarbeit rückt das abwechselnde Sprechen in den Vordergrund!
- Das Lesen der Reihe nach: Die Sprachenlernenden „zählen die Sätze ab“. So können sie ihren Satz zwar gut versprachlichen (denn sie haben genau diesen einen Satz im Stillen geübt), ein Verstehen des Textes wird aber kaum mehr möglich sein, da das, was die Mitschülerinnen und Mitschüler gelesen haben, nicht wahrgenommen werden konnte.
Laut lesen versus leise lesen
Ob Ihre Schülerinnen und Schüler den Lesetext laut oder leise lesen, sollte ganz von Ihren geplanten Zielsetzungen abhängig sein.
Steht das Leseverstehen im Fokus, so sollten Lesetexte eher still gelesen werden. Das liegt daran, dass die Sprachenlernenden über unterschiedliche Lerntempi verfügen. Hinzukommt, dass sich der Prozess des vor- und zurückspringenden Erfassens von Kind zu Kind stark unterscheiden kann.
Beim Lautlesen wird den Sprachenlernenden ein fremdes Tempo aufgezwungen, sodass ein Verstehen kaum möglich ist. Deswegen liegt dem lauten Lesen eher das Ziel einer „Ausspracheschulung“ und des flüssigen Lesens zugrunde.
Gleich, welche Zielsetzung Sie sich vorgenommen haben, die erste Begegnung mit dem Lesetext sollte nicht im Lautlesen stattfinden, denn die Schülerinnen und Schüler benötigen eine gewisse „Warm-up-Phase“, um sich mit dem Text vertraut zu machen.
Wir halten also fest:
- Wenn Texte leise gelesen werden, steht das Textverständnis im Vordergrund.
- Laut lesen schult die Aussprache, das flüssige Vorlesen und eignet sich gut zur Überprüfung hörbarer Lesetechnik – es geht also eher um den eigentlichen Vortrag.
- Bieten Sie Ihren Schülerinnen und Schülern die Erstbegegnung mit dem Text im leisen Lesen an (sie sollen sich mit dem Text in ihrem Tempo/auf ihre Weise vertraut machen).