Mädchen beim Lesen
Leseförderung
DaZ
Veröffentlichung: 02.03.2023

Lesen im DaZ-Unterricht – Tipps zur Förderung der Lesekompetenz

Lesen im DaZ-Unterricht gezielt fördern: Gut ausgewählte Texte, methodisch durchdachte Übungen und passende Materialien helfen Ihren Schülerinnen und Schülern, Lesekompetenz aufzubauen, Wortschatz zu erweitern und das Textverständnis zu stärken. In diesem Beitrag finden Sie praxisnahe Tipps, Methoden und Empfehlungen für die Planung Ihres Unterrichts.
Barbara Reisacher
Barbara Reisacher
Gastautorin

Grundlegend ist das Lesen eine unverzichtbare Kompetenz, die in beinahe allen Lebenssituationen gebraucht wird. Eine erworbene Lesefähigkeit ist die Basis für eine gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe am Leben.

Auch im Fremd-/Zweitspracherwerb zählt das Lesen (neben dem Hören, Schreiben und Sprechen) zu einem der wichtigsten Bereiche, der einen beachtlichen Beitrag zum Aufbau der Kommunikationsfähigkeit leistet und gleichermaßen die sprachlichen Muster unserer Lernerinnen und Lerner bildet. 

Leider wird die Bedeutung des Lesens in der Unterrichtspraxis oft gravierend unterschätzt, dabei ist es unsere Aufgabe, die noch ungesicherten passiven und aktiven Wortschatzkenntnisse der Sprachenlernenden durch methodisch-didaktisch korrekt aufbereitete Unterrichtsinhalte zu sichern und weiterzuentwickeln. Auch für Schülerinnen und Schüler, die abweichende Laut- und Schriftsysteme gewohnt sind, stellt die Förderung von Lesekompetenzen einen wichtigen Bestandteil des Spracherwerbs dar.

Mit diesem Beitrag möchte ich Ihnen einen groben Überblick über wichtige Aspekte der Leseförderung im Fremdsprachen/DaZ-Unterricht verschaffen und gleichermaßen Tipps für Ihren Unterrichtsalltag mit an die Hand geben.    

Sinnvolle Vorüberlegungen für die Auswahl eines geeigneten Lesetextes 

Bevor sich Ihre Sprachenlernerinnen und -lerner mit einem Text auseinandersetzen, sollten Sie bei Ihrer Unterrichtsplanung auf ein paar Aspekte Rücksicht nehmen – andernfalls droht eine mögliche Überforderung, die im schlechtesten Falle in eine Sprechhemmung und/oder demotivierende Lernhaltung münden könnte. 

Die folgenden Fragen sollen Ihnen als Gedankenimpulse für die Planung Ihres Leseunterrichts dienlich sein: 

  • Sind meine Schülerinnen und Schüler am Inhalt des Textes/am grundlegenden Thema interessiert? 
  • Passt der Lesetext zum Alter meiner Sprachenlernenden?  
  • Ist das Sprachniveau des Lesetextes für meine Sprachlerngruppe passend? 
  • Sind „Stolpersteine“ (zum Beispiel Redewendungen, umgangssprachliche Wendungen, unbekannte Wörter, komplexe Grammatikphänomene, Fachbegriffe usw.) im Lesetext enthalten?  
  • Muss ich den Text hinsichtlich des Umfangs und der Sprache reduzieren, sodass ein Verstehen grundlegend möglich sein kann?  
  • Brauchen meine Schülerinnen und Schüler zum Verstehen des Textes besondere sprachliche Hilfestellungen/Werkzeuge („Scaffolds“)? Wenn ja, in welcher Form möchte ich das meinen Lernenden anbieten (Cluster, Sprechblasen, Wörterliste, Wortspeicher, Mindmap)?  

„No-Gos“ beim Lesen im Fremdsprachen/DaZ-Unterricht  

Damit Ihr Leseunterricht effektiv und gewinnbringend vonstattengehen kann, dürfen genau zwei Dinge nicht passieren: 

  1. Die Schülerinnen und Schüler lesen Satz für Satz abwechselnd: Das Textverständnis wird extrem beeinträchtigt, denn die Kinder und Jugendlichen konzentrieren sich in erster Linie auf den Vortrag, nicht auf den Inhalt. 

    Anmerkung: Ausgenommen ist hierbei die Auseinandersetzung mit einem Dialog, denn bei der Dialogarbeit rückt das abwechselnde Sprechen in den Vordergrund!

  2. Das Lesen der Reihe nach: Die Sprachenlernenden „zählen die Sätze ab“. So können sie ihren Satz zwar gut versprachlichen (denn sie haben genau diesen einen Satz im Stillen geübt), ein Verstehen des Textes wird aber kaum mehr möglich sein, da das, was die Mitschülerinnen und Mitschüler gelesen haben, nicht wahrgenommen werden konnte.  

Laut lesen versus leise lesen   

Ob Ihre Schülerinnen und Schüler den Lesetext laut oder leise lesen, sollte ganz von Ihren geplanten Zielsetzungen abhängig sein.

Steht das Leseverstehen im Fokus, so sollten Lesetexte eher still gelesen werden. Das liegt daran, dass die Sprachenlernenden über unterschiedliche Lerntempi verfügen. Hinzukommt, dass sich der Prozess des vor- und zurückspringenden Erfassens von Kind zu Kind stark unterscheiden kann.

Beim Lautlesen wird den Sprachenlernenden ein fremdes Tempo aufgezwungen, sodass ein Verstehen kaum möglich ist. Deswegen liegt dem lauten Lesen eher das Ziel einer „Ausspracheschulung“ und des flüssigen Lesens zugrunde.

Gleich, welche Zielsetzung Sie sich vorgenommen haben, die erste Begegnung mit dem Lesetext sollte nicht im Lautlesen stattfinden, denn die Schülerinnen und Schüler benötigen eine gewisse „Warm-up-Phase“, um sich mit dem Text vertraut zu machen.

Wir halten also fest: 

  • Wenn Texte leise gelesen werden, steht das Textverständnis im Vordergrund. 
  • Laut lesen schult die Aussprache, das flüssige Vorlesen und eignet sich gut zur Überprüfung hörbarer Lesetechnik – es geht also eher um den eigentlichen Vortrag. 
  • Bieten Sie Ihren Schülerinnen und Schülern die Erstbegegnung mit dem Text im leisen Lesen an (sie sollen sich mit dem Text in ihrem Tempo/auf ihre Weise vertraut machen).

Wo setze ich mit der Leseförderung an – auf der Wort-, Satz- oder Textebene? 

Damit eine angemessene Leseförderung stattfinden kann, könnte sich ein Blick auf diese Tabelle als förderlich herausstellen. Sie selbst erleben Ihre Sprachenlernenden regelmäßig in Ihrer Unterrichtspraxis. Demnach können Sie sie auch (hinsichtlich ihrer Lesekompetenz) in eine dieser drei Ebenen einordnen, auf der sie sich momentan befinden.

Das ist wichtig, denn dann wissen Sie selbst, wo Sie Ihre Schülerinnen und Schüler „abholen“ müssen und wie Sie eine Leseförderung gewinnbringend und effektiv gestalten können.  

In der linken Spalte werden die „geforderten Leseleistungen“ aufgelistet, in der Mitte die Schwierigkeiten beziehungsweise Stolpersteine, die Sie selbst bei Ihren Sprachenlernenden beobachten, und in der rechten Spalte befinden sich Tipps und konkrete Übungen für Ihren Leseunterricht.  

Tabelle Leseleistungen

Methoden für einen effektiven Leseunterricht für Ihre Sprachenlernerinnen und -lerner

Um die Methoden so übersichtlich wie möglich darzustellen, gliedere ich diese im Folgenden in die Bereiche „Vor dem Lesen“, „Während des Lesens“ und „Nach dem Lesen“.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass dies nur eine von mir getroffene Auswahl ist. Natürlich gibt es in allen Bereichen Möglichkeiten der Erweiterung. Ich möchte Ihnen eine kleine Sammlung an die Hand geben. Für Ihre Praxisanwendung könnte eine methodische Anpassung auf das jeweilige Sprachlevel Ihrer Lernerinnen und Lerner vonnöten sein:   

Vor dem Lesen  – Vorbereitungsphase: 

  • Das Thema des Textes wird mithilfe der Überschrift/Bilder gemeinsam erfasst und passend dazu soll eine Mindmap/ein Cluster erstellt werden – es findet eine Vorwissensaktivierung statt.
  • Da die Lerngruppe das Thema des Textes kennt, kann gemeinsam eine Wörterliste/ein Wortspeicher passend zur Thematik erstellt werden, der während des gesamten Leseprozesses von Anfang bis zum Ende erweitert wird
  • Die Sprachenlernerinnen und -lerner überfliegen den Anfang, die Mitte oder das Ende des Textes und versuchen, in eigenen Worten wiederzugeben, um was es im Text gehen könnte (Vermutungen anstellen, die dann am Ende überprüft werden). 
  • Im Gruppengespräch wird über das Thema des Textes gesprochen – haben Ihre Lernenden schon eigene Erfahrungen zum Thema gemacht? Möchten sie sich dazu äußern?  
  • Sie thematisieren den Text-Typen: Möchte der Text informieren/erklären/berichten/beschreiben? Auf was zielt der Text ab?  
  • Gibt es womöglich passend zur Thematik Zusatzmaterial (Fotos/Bilder/Wimmelbilder/ Hörverstehen, usw.), welches vorab gesichtet/gehört und zum Gegenstand eines Gesprächs im Plenum oder in der ICH-DU-WIR-Methode gemacht werden kann? So kann sich Ihre Sprachlerngruppe über verschiedene Kanäle mit dem Thema vertraut machen und sich in dieses einfinden, bevor sie sich mit dem eigentlichen Text befassen. 

Während des Lesens  – Verstehensphase: 

Diese Phase ist von mehreren „Verstehensdurchgängen“ geprägt, die zum tieferen Textverständnis führen sollen. Mit nur einem Durchgang ist es also hier nicht getan. Zwischen den Durchgängen ist auch ein Wechsel der Sozialform denkbar. Wählen Sie für sich vorab sorgfältig ein paar wenige Punkte aus, die gut zu Ihrer Sprachlerngruppe passen und testen Sie diese.  

  • Unverstandene/fremde Wörter werden unterstrichen – diese werden anschließend im Wörterbuch nachgeschaut.  
  • Unklarheiten können am Rand mit einem Fragezeichen gekennzeichnet werden, besonders interessante Stellen mit einem Ausrufezeichen (diese könnten später als Grundlage für ein Gruppengespräch dienen). 
  • Sich mit einem Lesepartner bzw. Lesepartnerin über das Gelesene austauschen und versuchen, sich gegenseitig den Inhalt zu erklären.
  • Schlüsselwörter werden herausgeschrieben 
  • Kernaussagen werden unterstrichen  
  • Die Schülerinnen und Schüler formulieren auf der Grundlage besonders wichtiger Sätze selbst zentrale Aussagen zum Lesetext. 
  • Der Lesetext soll in sinnige Abschnitte eingeteilt werden (Textstruktur wird geschaffen) – passend zu diesen Abschnitten können kreative Überschriften gesucht werden bzw. vorgegebene Überschriften zugeordnet werden.
  • Verstehenshilfen sollen angewendet werden (gezieltes Nachfragen, in den Wörterlisten/ Karteikarten/Vokabelheften nachschlagen, Wörter im Wörterbuch finden, digitale Wörterbücher gebrauchen).
  • Der Text kann stichpunktartig in den Kernaussagen zusammengefasst werden. 
  • Die Muttersprachen der Sprachenlernenden miteinbeziehen: Zentral wichtige Wörter des Textes bzw. Wörter, die vermehrt im Text auftauchen, in die Muttersprachen übersetzen lassen. 

Nach dem Lesen  – Sicherungsphase: 

  • Sich über das Gelesene im Gruppengespräch/im gegenseitigen Interview austauschen: Das kann ein Austausch über die Sprache oder den Inhalt des Lesetextes sein.  
  • Sollte das Thema des Lesetextes zum Diskutieren anregen, kann eine Pro/Contra-Debatte seitens Ihrer Schülerinnen und Schüler stattfinden.
  • Visualisierung des Gelesenen: Strukturen können als Cluster, Mindmaps, Diagramme dargestellt werden. 
  • „Künstlerische“ Auseinandersetzung mit dem Lesetext: Die Sprachenlernenden sollen ein Bild ihrer Lieblingsszene/einer Nachdenk-Szene malen und im Gallery-Walk/Museumsrundgang begründen, weshalb sie sich für diese Szene entschieden haben.
  • Anfertigen einer Wörterliste mit neuem Wortschatz.
  • Die anfangs gestellten Vermutungen („Um was könnte es in diesem Text gehen?“) werden auf Richtigkeit überprüft
  • Sichern Sie das Verstandene anhand schriftlicher Aufgaben unterschiedlichster Art: richtig oder falsch ankreuzen, Fragen zum Text beantworten, Verbindungsaufgaben, Lücken füllen, mit W-Fragen arbeiten, Sätze/Textabschnitte in die richtige Reihenfolge bringen, Nummerieren usw. 
  • Kreative Schreibaufgaben stellen: Sich in eine Person hineinversetzen und die Geschichte aus ihrer Sicht schreiben, einen Tagebucheintrag schreiben, einen Zeitungsbericht über das Geschehene verfassen, die Geschichte umdenken und das Ende neu formulieren. 
  • Szenische Nachahmung einer Textstelle.

Lesen als Prozess – Kreative Aufarbeitung des Gelesenen über einen längeren Zeitraum  

Das Schöne am Lesen im (Fremdsprachen-)Unterricht ist, dass Sie in Ihrer Planung und letzten Endes in der Umsetzung völlig frei sind. Sie können Lesetexte für eine einzelne Unterrichtseinheit planen oder Sie zielen auf eine Auseinandersetzung mit einem Text über einen längeren Zeitraum ab. Trifft Letzteres zu, so kann die Entwicklung von Lesekompetenz und Lesevergnügen anhand verschiedener Methoden angebahnt werden.  

Durch eine kreative Aufarbeitung des Gelesenen, kann einerseits das Textverständnis überprüft werden und andererseits ein persönlicher Bezug zum Text angebahnt und intensiviert werden.

Es gibt eine Vielzahl an Methoden, die begleitend zur Lektüre angewendet werden können:

  • Das Guckloch/Schaufenster 
  • Die Lesekiste 
  • Das Lapbook
  • Das Kamishibai-Erzähltheater
  • Das Lesebegleitheft 
  • Die Leserolle (siehe Tipp 2)
  • Das Lesetagebuch 
  • Die Fotostory 
  • Das Tischtheater
  • Der Rote Faden 
  • Das Nachdenkheft
  • Die Lesemappe 
  • Das Leseprotokoll 
  • … und noch viele weitere   
Tipp

Tipp 1: Der Bildungsserver Berlin-Brandenburg stellt die soeben aufgezählten und noch viele weitere Methoden auf seiner Homepage ausführlich vor, und bietet eine Vielzahl an Kopiervorlagen zum kostenlosen Download an. Praktischerweise werden die Methoden mit einem Vermerk auf die entsprechenden Jahrgangsstufen versehen, in welchen sie ihren Einsatz finden könnten. 

Tipp 2: Wenn Sie für die kommenden Unterrichtsstunden eine Leserolle (begleitend zur Lektüre) geplant haben, könnte Sie der Artikel „Leseförderung mit der Leserolle für mehr Lesekompetenz“ interessieren.  

Empfehlenswertes Material für Ihren Unterricht 

Zur spielerischen Förderung der Lesekompetenz empfiehlt sich ein Blick auf die Betzold-Homepage: 

Tipp

Meine geschätzte Kollegin Bettina hat sich intensiv mit dem Thema „Lesepass“ befasst. Den zugehörigen Beitrag mit Lesepass-Vorlage zum Download finden Sie hier: Lesepassvorlage zum Ausdrucken

Auf dieser digitalen Lernplattform finden Sie kostenloses Material zum Lesen. Das Material wird in Form von Arbeitsblättern angeboten, welche alltagsnahe Themen mit vielen Illustrationen und Aufgaben auf einfachem Niveau behandeln. Ergänzt werden die Übungen durch Lernkarten und Lesekarteien. Die Übungen sind mit farbigen Punkten versehen, die den Schwierigkeitsgrad symbolisieren sollen (rot, gelb und grün): Lesejule 

Sonstiges Material/Publikationen/Lesefächer zum Download:

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Wer schreibt hier?

Ich heiße Barbara Reisacher und bin Lehrerin an einer Mittelschule im schönen Bayern. Mein studiertes Hauptfach an der Universität Augsburg war Deutsch als Zweitsprache. Während meines Referendariats durfte ich erste Erfahrungen in einer Übergangsklasse sammeln und das theoretisch Gelernte in der Praxis anwenden. Im Moment bin ich Klassenleitung einer Deutschklasse und bereite parallel die SchülerInnen der 9. Klasse auf ihre Abschlussprüfung im Fach DaZ vor. In meiner täglichen Arbeit habe ich also sowohl mit Sprachanfängern, als auch mit fortgeschrittenen Sprachenlernern zu tun.