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Aktualisiert: 01.01.2026

Gerechtigkeit in der Schule: Können Lehrerinnen und Lehrer immer gerecht sein?

Wir alle hatten während unserer Schulzeit Lehrerinnen und Lehrer, auf deren Bekanntschaft wir gerne verzichtet hätten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch eines kommt bei der Schülerschaft nie gut an: eine als ungerecht empfundene Behandlung. Dieser Beitrag zeigt, warum faires Handeln so herausfordernd ist und gibt praktische Tipps für mehr Gerechtigkeit in der Schule.
Bettina Kroker
Bettina Kroker
Online-Redakteurin
LIGHTFIELD STUDIOS – stock.adobe.com

Gerechtigkeitsempfinden ist subjektiv

Bei dem Wort „empfunden“ liegt aber auch schon eine Schwierigkeit: Das Gerechtigkeitsempfinden von Menschen ist subjektiv und hängt stark vom Standpunkt des Betrachters ab – und Lehrkräfte haben nicht immer den gleichen Standpunkt wie ihre Schülerinnen und Schüler …

Kurz gesagt, könnte man es so ausdrücken:
Für jeden von uns ist das gerecht, was wir als gerecht empfinden.
Literaturtipp

Peter, Felix, Die Bedeutung intuitiver Gerechtigkeitsvorstellungen für Schülerinnen und Schüler:
Eine mehrebenenanalytische Längsschnittuntersuchung zur Wechselwirkung von implizitem Gerechtigkeitsmotiv und schulischer Umwelt,
in: Schriften zur pädagogischen Psychologie 57, Verlag Dr. Kovač 2012.

Das unterschiedliche Gerechtigkeitsempfinden hängt aber nicht nur von der eigenen Einstellung ab, sondern kann auch auf fehlenden Informationen beruhen:

Vielleicht haben Sie nicht bemerkt, dass der Schüler, den Sie getadelt haben, nur auf eine Störung durch einen Mitschüler reagiert hat. Oder die Schülerin ohne Hausaufgaben war nicht in der Lage, die diese zu erledigen, weil es Konflikte zu Hause gibt.

Dazu nehmen auch Faktoren Einfluss auf uns, die uns oft gar nicht bewusst sind:
  • Der soziale Hintergrund der Schülerinnen und Schüler kann Einfluss auf die Notengebung nehmen. Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2011 verglichen die Bildungsforscher Kai Maaz, Franz Baeriswyl und Ulrich Trautwein die Ergebnisse eines standardisierten schriftlichen Leistungstests mit den gegebenen Noten und Schulempfehlungen.
    Es zeigte sich, dass die Noten und Empfehlungen bei gleichen Testergebnissen unterschiedlich ausfielen. Schlechtere Bewertungen wurden besonders im Zusammenhang mit einem geringeren sozialen Status der Eltern der Schülerinnen und Schüler festgestellt.
  • Darüber hinaus kann auch die wahrgenommene Herkunft der Schülerinnen und Schüler die Bewertung beeinflussen: In einer experimentellen Studie mit deutschen Lehramtsstudierenden (Bonefeld & Dickhäuser, 2018) wurden identische Leistungen schlechter benotet, wenn der Name des Kindes auf einen Migrationshintergrund hinwies. Dieser Effekt zeigte sich vor allem bei der Gesamtnote, während die regelbasierte Fehlerzählung gleich blieb, und wurde durch implizite Einstellungen der Beurteilenden verstärkt.
  • Eine Studie des RWI Essen (Bredtmann, Otten & Vonnahme, 2024) zeigte, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und Kinder aus bildungsfernen Haushalten im Durchschnitt etwas bessere Noten erhielten als ihre anonym getesteten Leistungen erwarten ließen. Damit weicht das Ergebnis vom Befund der Bonefeld & Dickhäuser-Studie ab. 
Hier zeigt sich, dass die Studien kein klares Bild liefern. Alle drei Studien zeigen jedoch, dass neben der tatsächlichen Leistung weitere Faktoren Einfluss auf die Notengebung und Bewertung haben können.

Übrigens wird die Studie von 2010, die einen Zusammenhang zwischen schlechteren Noten und den Vornamen Kevin, Justin und Chantal herstellt, inzwischen aufgrund ihrer Methodik kritisch gesehen. Zwar zeigt die Studie, dass Lehrkräfte die Namen mit bestimmten Stereotypen verbinden, sie kann aber nicht als Beleg dafür gelten, dass allein der Vorname (z. B. „Kevin“) immer und unabhängig in einem kontrollierten Kausalversuch zu schlechteren Noten oder Bewertungen führt.

Lehrerin teilt Klassenarbeiten aus
Da Lehrkräfte Schüler bewerten und Noten vergeben, sind die Anforderungen an eine gerechte Handlungsweise besonders hoch. WavebreakMediaMicro – stock.adobe.com

Jeder möchte gerecht sein

Da Lehrkräfte Kinder und Jugendliche bewerten und damit auch Einfluss auf deren berufliche Entwicklung nehmen, wird von ihnen in besonderem Maße erwartet, gerecht und objektiv zu sein.

Grundsätzlich strebt es wohl auch jede Lehrerin und jeder Lehrer an, gerecht zu handeln. Das „Problem“ ist nur: Lehrerinnen und Lehrer sind auch nur Menschen.

Da ist es ganz normal, dass auch Lehrerinnen und Lehrer Lieblingsschülerinnen und -schüler haben. Das ist in Ordnung, solange man es die Schülerinnen und Schüler nicht spüren lässt und sich Sympathien oder Antipathien nicht in der Bewertung der Leistungen niederschlagen.

Wie oben beschrieben, ist es uns aber oft nicht klar, dass wir andere nicht immer gerecht behandeln.

Wichtig ist, dass wir uns darüber bewusst sind, dass das eigene Gerechtigkeitsempfinden nicht immer objektiv ist. Unter dieser Voraussetzung kann man das eigene Handeln und die Einstellung zu Schülerinnen und Schülern immer wieder hinterfragen – besonders im Bereich der Notengebung.

Literaturtipp

Wenn Sie sich für die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur interpersonalen Wahrnehmung und die sozialen Strukturen und Interaktionen in der Schule interessieren, finden Sie in den Werken der sozialpsychologischen Forschung eine gute Anlaufstelle.Einen Einstieg in das Thema Sozialpsychologie im schulischen Bereich bieten z. B. folgende Werke:

  • Ulrich, Klaus, Einführung in die Sozialpsychologie der Schule, Beltz Verlag 2001.
  • Jahnke, Jürgen, Sozialpsychologie der Schule, Leske Verlag + Budrich GmbH 1982.
Noten werden von vielen Faktoren beeinflusst. Anders als viele denken, sind sie deshalb nicht objektiv, wie auch ein Bericht von Quarks ausführt.

10 Tipps für eine faire Lehrer-Schüler-Beziehung

Wer das eigene Handeln mit dem Wissen, dass das Gerechtigkeitsempfinden nicht objektiv ist und sich ungewollt und unbewusst Vorurteile in der Einschätzung von Schülerinnen und Schülern einschleichen können, immer wieder kritisch prüft, hat den ersten und wichtigsten Schritt zu einer fairen Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern schon getan.
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Schüler klatschen ab
Die Arbeit an einer guten und fairen Lehrer-Schüler-Beziehung lohnt sich immer! Robert Kneschke – stock.adobe.com
Folgende Punkte können darüber hinaus helfen, gerechter zu agieren:

  1. Transparente Notengebung:

    Die Notengebung wird oft als ungerecht empfunden, wenn sie nicht transparent kommuniziert wird. Es empfiehlt sich deshalb, der Klasse gleich zu Beginn des Schuljahrs mitzuteilen, welche Gewichtung schriftliche und mündliche Leistungen haben und inwieweit sich andere Faktoren, wie vergessene Hausaufgaben und das Verhalten, auswirken.
  2. Mündliche Leistungen mitteilen

    Schülerinnen und Schülern fällt es dabei oft besonders schwer, ihre mündlichen Leistungen einzuschätzen.
    Um ihnen das zu erleichtern, hilft es, wenn Sie ihnen nach einigen Wochen mitteilen, wie Sie diese bisher bewerten. So kennen sie ihren Stand und haben aber auch noch die Möglichkeit, sich vor den Halbjahres- und Schuljahresendzeugnissen zu verbessern.
  3. Leistungen und Beurteilungen dokumentieren:

    Um Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern nachvollziehbar begründen zu können, wie eine Note zustande kam oder welche Faktoren zu der gegebenen mündlichen Note geführt haben, ist eine gute Dokumentation der Leistungen und des Verhaltens zu empfehlen.
    Diese hilft auch Ihnen, Schülerinnen und Schülern nicht aus der Erinnerung heraus bewerten zu müssen, sondern die Notizen heranziehen zu können, die direkt während oder nach der Stunde aufgeschrieben wurden.
    Tipp

    Mithilfe einer Klassenliste, in die Sie nach jeder Stunde zu jedem Schüler und jeder Schülerin eine Anmerkung zu den mündlichen Leistungen in Form von „+“ und „-“ für gute bzw. weniger gute und „=“ für befriedigende Leistungen eintragen, können Sie sich eine schnell notierte Gedächtnisstütze machen. Noch besser sind natürlich ausführlichere Bemerkungen, für die aber selten ausreichend Zeit zwischen den Stunden bleibt.

    Gute Schulplaner enthalten Klassen- und Notenlisten, in die Sie Ihre Anmerkungen und Bewertungen übersichtlich eintragen können.
    Hier geht’s zu den Betzold Lehrerkalendern

  4. Erwartungshorizont formulieren:

    Je genauer Sie vorab festlegen, für welche erbrachten Leistungen Sie welche Anzahl an Punkten vergeben, desto fairer können Sie korrigieren. Das macht natürlich mehr Arbeit im Vorfeld, dafür sparen Sie beim Korrigieren Zeit :)
  5. Aufgabenweise korrigieren:

    Damit Ihr Blick möglichst unbeeinflusst von den vorherigen Leistungen der Schülerinnen und Schülern ist, können Sie Klassenarbeiten aufgabenweise korrigieren.
  6. Schüler unvoreingenommen begegnen:

    Wenn Sie eine neue Klasse bekommen, sollten Sie davon absehen, sich die früheren Noten der einzelnen Schülerinnen und Schüler anzusehen. Auch den gutgemeinten Hinweisen von Kolleginnen und Kollegen, welche Schülerinnen und Schüler eher schwierig sind, sollten Sie aus dem Weg gehen, um sich nicht beeinflussen zu lassen.
  7. Adäquat auf Unterrichtsstörungen reagieren:

    Wenn Sie Schülerinnen und Schüler aufgrund von Unterrichtsstörungen tadeln oder bestrafen müssen, sollten Sie dies möglichst transparent, berechenbar, emotionslos, sinnvoll und rückstandslos tun, empfiehlt Lehrerfreund.de. So gewährleisten Sie, dass die Schülerinnen und Schüler die Bestrafung nachvollziehen und akzeptieren und infolgedessen als gerecht empfinden können. Kollektivstrafen sind nie gerecht und deshalb auch nicht erlaubt.
  8. Starres Bild auf Schüler vermeiden:

    Wer eine Schülerin oder einen Schüler als Störer kennenlernt, speichert ihn leicht als solchen ab, und manchmal übersieht man dann, dass sich die betreffende Person im Lauf der Zeit verändert und entwickelt hat. Versuchen Sie ein statisches Bild auf Ihre Schülerinnen und Schüler zu vermeiden. Auch hierbei kann eine gute Dokumentation der Leistungen und des Verhaltens Entwicklungen aufzeigen.
  9. Schülerfeedback einholen:

    Evaluationen sind heute ein fester Bestandteil an den meisten Schulen. Auch immer mehr Lehrerinnen und Lehrer nutzen dieses Feedbackinstrument, um Rückmeldungen zum eigenen Unterricht zu erhalten: u. a. welche Dinge sind schon gut, was kann verbessert werden und wie wird man von den Schülerinnen und Schülern wahrgenommen. Die Möglichkeit, sich einzubringen und an Entscheidungen beteiligt zu sein, kann das Gerechtigkeitserleben verbessern.

    Mehr dazu im Beitrag „Schüler geben Lehrerinnen und Lehrern Feedback

    Interessant wäre hier auch zu erfahren, ob die Schülerinnen und Schüler Sie eher als gerecht oder ungerecht wahrnehmen und woran sie dies festmachen. Fragen Sie beispielsweise: "Fühle ich mich hier gerecht behandelt?" oder "Welche Entscheidung fand ich fair, welche nicht?". Wenn alles im grünen Bereich ist, wunderbar, wenn nicht, haben Sie nun Hinweise, wo Sie ansetzen können, um das Verhältnis zu Ihren Schülerinnen und Schülern weiter zu verbessern.
  10. Niemand ist perfekt:

    Vergessen Sie bei allen Bemühungen nicht: niemand ist perfekt. Es kommt sicher immer wieder vor, dass sich Schülerinnen und Schüler nicht gerecht behandelt fühlen. Vieles lässt sich in einem offenen Gespräch klären. Stellt sich heraus, dass Sie der Schülerin bzw. dem Schüler gegenüber tatsächlich nicht gerecht waren, und Sie das sich und ihr bzw. ihm eingestehen, kann das die Lehrer-Schüler-Beziehung deutlich verbessern.
Info

Soziale Gerechtigkeit an Schulen

Die Gerechtigkeit im Schulalltag hängt natürlich nicht allein vom individuellen Handeln von Lehrkräften ab. Der weitaus größere Einflussfaktor sind das Bildungssystem selbst sowie die sozialen Ausgangsbedingungen der Schülerinnen und Schüler.

Laut dem Chancenmonitor 2023 des ifo-Instituts gibt es erhebliche Unterschiede bei den Bildungschancen: Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei lediglich etwa 21,5 %, wenn Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur und aus dem untersten Einkommensviertel stammen. Im Gegensatz dazu beträgt sie rund 80,3 %, wenn beide Elternteile ein Abitur haben und aus dem obersten Einkommensviertel stammen. Herkunft, familiäre Unterstützung, finanzielle Ressourcen und Sprachkenntnisse beeinflussen maßgeblich die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen.

Quelle: ifo-Institut, Chancenmonitor 2023

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Seit 2014 arbeite ich bei Betzold in Ellwangen als Online-Redakteurin. Im Betzold-Blog möchte ich Lehrerinnen und Lehrern den ein oder anderen Tipp weitergeben, der den Schulalltag erleichtert und Zeit spart. Da ich stets auf der Suche nach neuen, interessanten Blog-Themen bin, freue ich mich immer über Ihre Anregungen: