Gerechtigkeitsempfinden ist subjektiv
Bei dem Wort
„empfunden“ liegt aber auch schon eine Schwierigkeit: Das
Gerechtigkeitsempfinden von Menschen ist subjektiv und
hängt stark vom Standpunkt des Betrachters ab – und Lehrkräfte haben nicht immer den gleichen Standpunkt wie ihre Schülerinnen und Schüler …
Kurz gesagt, könnte man es so ausdrücken:
Für jeden von uns ist das gerecht, was wir als gerecht empfinden.
Literaturtipp
Peter, Felix, Die Bedeutung intuitiver Gerechtigkeitsvorstellungen für Schülerinnen und Schüler:
Eine mehrebenenanalytische Längsschnittuntersuchung zur Wechselwirkung von implizitem Gerechtigkeitsmotiv und schulischer Umwelt,
in: Schriften zur pädagogischen Psychologie 57, Verlag Dr. Kovač 2012.
Das unterschiedliche Gerechtigkeitsempfinden hängt aber nicht nur von der eigenen Einstellung ab, sondern kann auch auf
fehlenden Informationen beruhen:
Vielleicht haben Sie nicht bemerkt, dass der Schüler, den Sie getadelt haben, nur auf eine Störung durch einen Mitschüler reagiert hat. Oder die Schülerin ohne Hausaufgaben war nicht in der Lage, die diese zu erledigen, weil es Konflikte zu Hause gibt.
Dazu nehmen auch Faktoren Einfluss auf uns, die uns oft gar nicht bewusst sind:
- Der soziale Hintergrund der Schülerinnen und Schüler kann Einfluss auf die Notengebung nehmen. Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2011 verglichen die Bildungsforscher Kai Maaz, Franz Baeriswyl und Ulrich Trautwein die Ergebnisse eines standardisierten schriftlichen Leistungstests mit den gegebenen Noten und Schulempfehlungen.
Es zeigte sich, dass die Noten und Empfehlungen bei gleichen Testergebnissen unterschiedlich ausfielen. Schlechtere Bewertungen wurden besonders im Zusammenhang mit einem geringeren sozialen Status der Eltern der Schülerinnen und Schüler festgestellt.
- Darüber hinaus kann auch die wahrgenommene Herkunft der Schülerinnen und Schüler die Bewertung beeinflussen: In einer experimentellen Studie mit deutschen Lehramtsstudierenden (Bonefeld & Dickhäuser, 2018) wurden identische Leistungen schlechter benotet, wenn der Name des Kindes auf einen Migrationshintergrund hinwies. Dieser Effekt zeigte sich vor allem bei der Gesamtnote, während die regelbasierte Fehlerzählung gleich blieb, und wurde durch implizite Einstellungen der Beurteilenden verstärkt.
- Eine Studie des RWI Essen (Bredtmann, Otten & Vonnahme, 2024) zeigte, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und Kinder aus bildungsfernen Haushalten im Durchschnitt etwas bessere Noten erhielten als ihre anonym getesteten Leistungen erwarten ließen. Damit weicht das Ergebnis vom Befund der Bonefeld & Dickhäuser-Studie ab.
Hier zeigt sich, dass die Studien kein klares Bild liefern. Alle drei Studien zeigen jedoch, dass
neben der tatsächlichen Leistung weitere Faktoren Einfluss auf die Notengebung und Bewertung haben können.
Übrigens wird die Studie von 2010, die einen Zusammenhang zwischen schlechteren Noten und den Vornamen Kevin, Justin und Chantal herstellt, inzwischen aufgrund ihrer Methodik kritisch gesehen. Zwar zeigt die Studie, dass Lehrkräfte die Namen mit bestimmten Stereotypen verbinden, sie kann aber nicht als Beleg dafür gelten, dass allein der Vorname (z. B. „Kevin“) immer und unabhängig in einem kontrollierten Kausalversuch zu schlechteren Noten oder Bewertungen führt.