Beleidigungen, Drohungen und physische Gewalt gegen Lehrkräfte dürfen kein Tabuthema bleiben
Gewalt an Schulen ist ein Thema. Im Fokus von Medien und Öffentlichkeit steht dabei insbesondere die verbale, physische und psychische Gewalt, die Schüler gegen andere Schüler ausüben. Um es am besten gar nicht erst soweit kommen zu lassen, gibt es inzwischen an vielen Schulen Maßnahmen zur Gewaltprävention (ein Beispiel hierfür finden Sie im Beitrag „Gewaltprävention an Schulen: Spielerisches Kämpfen“).
Dass das Problem „Gewalt an Schulen“ nicht allein auf diese Fälle begrenzt ist, zeigen Medienberichte, die von Übergriffen durch Schüler und auch Eltern auf Lehrerinnen und Lehrer berichten:
- Im Juni 2016 verurteilte das Landgericht Hannover nach Angaben von Spiegel Online einen 16-Jährigen, der während einer Klassenfahrt zwei Jahre zuvor seinen Lehrer attackierte und versuchte, ihn mit einem Schnürsenkel zu würgen. Auslöser war eine Auseinandersetzung um Filmaufnahmen mit dem Handy, das der Lehrer dem Schüler infolgedessen abnahm.
- Im September 2016 berichtete News4Teachers über einen Zwischenfall an einer Schule in Radolfzell, der zeigt, dass Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer auch von Schülereltern ausgehen kann: Nachdem ein Vater seine Tochter aus einer laufenden Unterrichtsstunde abholen wollte und die Lehrerin dies verneinte, kam es zu einem Streit. Der Vater beleidigte die Lehrerin seiner Tochter und schlug sie nieder, nachdem sie sich an die Schulleitung wenden wollte.
Dies sind nur zwei Beispiele für im negativen Sinne aufsehenerregende Fälle, die sich leider leicht durch weitere ergänzen ließen.
Hat das Problem „Gewalt in der Schule“ zugenommen?
59% der im Rahmen einer im November 2016 veröffentlichten Forsa-Studie befragten Lehrkräfte beantwortete diese Frage bezogen auf die vergangenen fünf Jahre mit „ja“. Eine Einschätzung, die besonders viele Lehrkräfte an Förder- und Sonderschulen (71%) sowie an Grundschulen (66%) teilen. Geringer sind die Anteile an Kollegien in Gymnasien (53%) und Gesamtschulen (54%).
Und leider scheint Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer ein Tabuthema zu sein: 57% stimmten dieser Aussage zu. Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, äußerte sich dazu deutlich: „Viel zu oft wird das Problem kleingeredet. Die schlimmste Relativierung: ‚Das gehört halt zu Ihrem Job‘. Außer professionellen Kampfsportlern ist mir keine Personengruppe bekannt, zu deren Job es gehört, sich psychisch und physisch angreifen zu lassen“.
Die Umfrage wurde durch den Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben. Knapp 2.000 Lehrerinnen und Lehrer v. a. aus Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen beteiligten sich an der Studie.
Im Mai 2018 befragte Forsa im Auftrag des VBE rund 1.200 Schulleitungen. Die Umfrage bestätige, dass es sich bei Gewalt gegen Lehrkräfte um kein Randphänomen handle, so Gerhard Brand, der Landesvorsitzende des VBE Baden-Württemberg. 45% der Schulleiterinnen und Schulleiter in Baden-Württemberg berichten, dass Lehrerinnen und Lehrer durch Beleidigungen, Beschimpfungen, Mobbing oder Drohungen psychisch angegriffen wurden. Jede vierte Schulleitung gab an, dass es Fälle körperlicher Gewalt innerhalb der vergangenen fünf Schuljahre gegen Lehrkräfte gab.