Literatur zur Trainingsraum-Methode:
- Balke, Stefan: Die Spielregeln im Klassenzimmer: Das Handbuch zum Trainingsraum-Programm, Karoi Verlag, 2003.
- Bündel, Heidrun/Simon, Erika: Die Trainingsraum-Methode: Unterrichtsstörungen – klare Regeln, klare Konsequenzen, Beltz Verlag, 2. Aufl. 2007.
- Hövel, Dennis Christian/Zimmermann, David/Meyer, Barbara/Gingelmaier, Stephan: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, Beltz Juventa | Sonderpädagogische Förderung heute 65 (2020) 3, S. 291-305.
Was passiert nach dem Timeout oder dem Trainingsraum?
Ein Timeout endet nicht mit der Rückkehr in die Klasse. Entscheidend ist, wie diese Rückkehr vorbereitet und begleitet wird.
Eine aktuelle Untersuchung von Julia Annen aus dem Jahr 2026 nimmt genau diese Frage in den Blick. Sie untersucht vier Timeout-Angebote in den Kantonen Zürich, Zug und Obwalden und fragt: Wie gelingt nach einem Timeout die Reintegration in die Stammklasse?
Literatur: Annen, Julia (2026): Einst vor der Türe – heute im Timeout …: Wie gelingt nach einem Timeout die Reintegration in die Stammklasse? Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 32(5), S. 34–38.
Die Untersuchung zeigt, dass für eine gelingende Reintegration verschiedene Beteiligte zusammenarbeiten müssen. Dazu gehören neben der Schülerin bzw. dem Schüler und der Lehrkraft unter anderem die Eltern, die schulische Heilpädagogik, die Timeout-Fachperson und die Schulleitung. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vorbereitung der Rückkehr. Auch nach dem Timeout ist eine begleitende Unterstützung sinnvoll, damit Schwierigkeiten frühzeitig erkannt und gemeinsam bearbeitet werden können.
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die bei der Diskussion über Time-Out-Angebote leicht in den Hintergrund gerät: Was soll sich durch die zeitweise Trennung eigentlich verändern und wie wird diese Veränderung anschließend im Schulalltag unterstützt? Ein Timeout allein verändert noch nicht automatisch die Bedingungen, unter denen ein Kind oder Jugendlicher zuvor Schwierigkeiten hatte.
Für die Gestaltung solcher Angebote bedeutet das, dass die Zeit außerhalb der Stammklasse nicht isoliert betrachtet werden sollte:
- Vorbereitung, Aufenthalt und Rückkehr sollten aufeinander abgestimmt sein.
- Ebenso wichtig ist, dass die beteiligten Personen miteinander im Austausch bleiben und
- gemeinsam überlegen, welche Unterstützung nach der Rückkehr notwendig ist.
Dieser Gedanke lässt sich auch auf andere Konzepte wie die Trainingsraummethode übertragen: Wenn Schülerinnen und Schüler zeitweise aus dem regulären Unterricht herausgenommen werden, sollte dies nicht allein als Konsequenz auf störendes Verhalten verstanden werden. Entscheidend ist vielmehr, welche pädagogische Unterstützung damit verbunden ist und wie Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt werden, anschließend wieder erfolgreich am gemeinsamen Unterricht teilzunehmen.
Kritik an Konzepten wie Time-Out-Klassen und der Trainingsraum-Methode
Kritische Stimmen aus Österreich, wie z. B. Wiens damaliger Landesschulinspektor für Inklusion, Rupert Corazza, sahen die Gefahr, dass Time-Out-Klassen als schnelle Lösung für störende Schülerinnen und Schüler wirken könnten wie ein „In-die-Ecke-Stellen“.
Ohne ein gutes Konzept, hochqualifiziertes Personal, der Einbeziehung der Eltern, Einzelbetreuung sowie die Zusammenarbeit innerhalb des gesamten schulischen Standorts, könnte aus den Time-Out-Klassen eine bloße Zusammenballung schwieriger Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten emotionalen und sozialen Problemen werden, schrieb Wilfried Datler in Der Standard (16.05.2019).
Diese Kritik verweist auf eine zentrale pädagogische Frage, die auch heute noch relevant ist: Dient die zeitweise Trennung als gezielte Unterstützung und nachhaltige Krisenintervention – oder dient sie lediglich dazu, störende Schülerinnen und Schüler schnell aus dem Unterricht zu entfernen?
In den Kommentaren von Lehrerinnen und Lehrern zu den Beiträgen über die Time-Out-Klassen sind die Meinungen gespalten:
- Ein Teil wünscht sich die Chance mit dem Teil der Klasse, der lernen will, Unterricht zu machen, ohne den Großteil der Aufmerksamkeit auf die Störenden richten zu müssen.
- Andere möchten als Alternative bzw. Ergänzung eine kontinuierliche, strukturierte Gewaltpräventionsarbeit an Schulen, mehr Unterstützung von Schulpsychologen und Sozialarbeitern sowie Fortbildungen zu Deeskalationsstrategien und Umgang mit Konflikten.
- Zudem bemängeln Referendarinnen und Referendare, dass das Thema „Gewalt an Schulen“ und der Umgang damit keine ausreichende Rolle in der Lehrerausbildung spielt. Dadurch treffen sie Situationen, in denen sie mit körperlicher oder psychischer Gewalt konfrontiert werden, völlig unvorbereitet, was der Möglichkeit, passend zu reagieren, entgegensteht.
Auch das Trainingsraum-Konzept wird nicht unkritisch betrachtet:
Rolf Göppel, ehem. Professor für Allgemeine Pädagogik an der PH Heidelberg, stellt in seinem Artikel in der Zeitschrift Pädagogik (Ausgabe 1, 2011) mehrere kritische Fragen, unter anderem zur Zielsetzung und zum Wording des Konzepts:
„Ist das Trainingsraum-Programm trotz der bemühten „Eigenverantwortlichkeitsrhetorik“ nicht doch eher ein Ausdruck eines bedenklichen restriktiven pädagogischen Zeitgeistes, der in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht beträchtlichen Aufwind hatte (vgl. Göppel 2010) und dem es vor allem um die Stärkung von Autorität, Gehorsam, Anpassung und Disziplin geht, dem aber Ideen wie Partnerschaftlichkeit, Selbstregulierung, Eigensinn und Partizipation eher suspekt sind?“
Auch die Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler sollte bei der Betrachtung des Konzepts berücksichtigt werden. In einer Umfrage der Eltern-Redaktion von www.t-online.de bemerkt ein 13-jähriger Schüler: „Ich habe eher das Gefühl, dass es doch eine Strafe ist. Vor allem, dass man vor aller Augen rausgehen muss, wenn man es übertrieben hat. Einmal hat ein Mädchen bei uns sogar geweint, als sie in den Trainingsraum musste.“
Auf der anderen Seite können Trainingsräume in Klassen mit mehreren Schülerinnen und Schülern, die den Unterricht kontinuierlich stören, aus Sicht von Lehrkräften eine Möglichkeit darstellen, mit einem Teil der Klasse mit dem Lernstoff weiterzuarbeiten. Gerade wenn zusätzliche personelle Unterstützung fehlt, kann die zeitweise Trennung aus Sicht der Lehrkräfte eine Entlastung darstellen.
Fazit
Für Lehrerinnen und Lehrer und auch für Schülerinnen und Schüler, die durch das störende Verhalten von Mitschülern am Lernen gehindert werden, können Konzepte wie die Trainingsraummethode oder Time-Out-Angebote eine Möglichkeit sein, mit besonders herausfordernden Situationen umzugehen. Sie sind jedoch kein Ersatz für ein umfassendes pädagogisches Konzept und sollten nicht als alleinige Lösung für Gewalt und wiederkehrende Unterrichtsstörungen verstanden werden.
Entscheidend ist dabei nicht nur, ob ein Schüler oder eine Schülerin zeitweise aus der Klasse genommen wird, sondern auch, was während dieser Zeit passiert und wie die Rückkehr in die Klasse vorbereitet und begleitet wird. Gerade bei Time-Out-Angeboten zeigt sich, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und weiteren beteiligten Personen sowie eine sorgfältige Vorbereitung und Nachbereitung sein können. Ziel sollte sein, die Schülerinnen und Schüler langfristig wieder erfolgreich in den regulären Schulalltag einzubinden.
Wenn Konzepte wie das des Trainingsraums zum Einsatz kommen, sollte sehr darauf geachtet werden, dass sie nicht als von oben diktierte Strafe oder reine „Rausschick-Methode“ verstanden werden. Das kann gelingen, wenn ein Verständnis für die Gründe, die hinter dem Fehlverhalten stecken, gewonnen wird – sowohl bei den Schülerinnen und Schülern selbst als auch bei Ihnen als Lehrerinnen und Lehrern. Entscheidend ist, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die den Schülerinnen und Schülern helfen, ihr Verhalten zu reflektieren und Störungen künftig zu vermeiden.
Darüber hinaus bleiben präventive Maßnahmen und ausreichende Unterstützung im Schulalltag wichtig. Gewaltprävention, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und weitere Unterstützungsangebote können dazu beitragen, Konflikte frühzeitig aufzugreifen und Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler zu entlasten. Time-Out und Trainingsraum sollten deshalb – sofern sie eingesetzt werden – in ein größeres pädagogisches Konzept eingebettet sein.
Positiv zu erwähnen ist auf jeden Fall, dass inzwischen mehr über Fälle von Gewalt an Schulen diskutiert wird und es kein Tabuthema bleibt. Gleichzeitig bleibt die Frage wichtig, welche Maßnahmen im jeweiligen Einzelfall tatsächlich helfen und wie Schulen Schülerinnen und Schüler auch nach einer akuten Krise nachhaltig begleiten können.