Umgang mit Zweisprachigkeit
In der Erwachsenenbildung bzgl. des Sprachenlernens gibt es zwei Gegenpole – Genauigkeit vs. Flüssigkeit. Beide haben gewinnende Punkte für sich. Wer sich akkurat ausdrücken kann, wird mit gute Noten und Respekt belohnt. Wer die Sprache fließend beherrscht und sie kommunikativ anwenden kann, ist in der Lage, sich mit vielen Menschen auszutauschen und die eigenen Ideen redegewandt auszudrücken. Idealerweise kann man beides. Im Bereich der frühkindlichen Bildung liegt die Betonung oft auf Flüssigkeit, weil in vielen Fällen Genauigkeit mit Noten oder Leistung gleichgesetzt wird, was bekanntlich nicht in Kitas oder Kindergärten gegeben ist. Deswegen ist es durchaus in Ordnung, sich auf den kommunikativen Aspekt der Sprache zu konzentrieren. Das bedeutet, die Melodie der Sprache zu erforschen (gerne anhand von Liedern), Wortschatzspiele anzuwenden, eine Mischung aus bekannten deutschen und fremdsprachlichen Wörtern innerhalb eines Satzes zu dulden, weil gerade ausprobiert wird u.s.w. Ein offener, spielerischer Umgang mit der Sprache ist wünschenswert.
„Kinder haben Freude daran, ihre Ideen, Wünsche, Bedürfnisse und Erkenntnisse immer differenzierter mitzuteilen und sich mit anderen Menschen darüber zu verständigen.“ (Völkel 2011,9)
„Kinder möchten Beziehungen aufbauen. Sprache unterstützt sie dabei, unabhängig von Kompetenz in der Sprachverwendung.“ (Theresia Wollnitz 2016,18)
Es wird oft vermutet, dass das Sprachgefühl für die Erstsprache negativ beeinflusst wird - oder anders ausgedrückt - ein Sprachchaos entsteht, wenn mehrere Sprachen vermischt werden. Laut unterschiedlicher langjähriger Studien passiert aber genau dies nicht. Die Kinder können die sprachlichen Trennungen ohne Schwierigkeiten meistern, auch ohne zusätzliche Förderung. Es ist meistens für die Kinder klar, welche Wörter zu welcher Sprache gehören. Falls es zu Sprachvermischungen kommt, können diese oft in unterschiedliche Kategorien untergliedert werden. Zu vermeiden aber, die Einstufung dieser Vermischungen als „gut“ oder „schlecht“ vorzunehmen. In vielen Fällen dienen sie der Kommunikation und sind nicht als Sprachdefizit zu verstehen.
Sprachwechsel oder Code-switching passiert, wenn für mehrere Wörter eines Satzes eine andere Sprache verwendet wird. Das kann passieren, weil das Wort nur in eine Sprache gerade verfügbar ist, das Kind aber trotzdem etwas mitteilen möchte. Anders betrachtet, könnte das als aktive Problemlösung gesehen werden, weil versucht wird, Kommunikation voranzutreiben. Und das, trotz fehlendem Vokabular. Eigentlich ist es eine kreative Lösung!
Sprachlicher Transfer oder Interferenz passiert, wenn ein Lerner oder eine Lernerin unbewusst Sprachstrukturen und Regeln auf eine andere Sprache überträgt. Studien belegen, dass dies von den Denkweisen der Lernenden, nicht vom Kontakt mit anderen Sprachen herrührt.
Sprachliche Ganzheiten können passieren, wenn Sprachlernende Sprachstrukturen anwenden, die dem aktuellen Kenntnisstand voraus sind. Hier kann es sich um Floskeln oder feststehende Redewendungen handeln.
Inklusion und binnendifferenzierte Bildung
Kein Kind gleicht dem anderen vollständig. Jedes Kind hat Schwächen und Stärken, was das Lernen betrifft. Das ist so bei der Erstsprache und auch bei der Zweitsprache. Deswegen ist es so wichtig, die Kinder abzuholen, wo sie gerade stehen und sie zu unterstützen - bei dem was sie gut können und bei dem was sie nicht so gut können. Ist es wichtig ob eine Kita- oder Kindergartenkind sich viele Vokabeln merken kann? Nein, weil es in diesem Alter eher darum geht, ein Gefühl für die Sprache, dessen Klang und die jeweilige Zusammensetzung zu bekommen. Das Kind soll eine Grundlage aufbauen können, eine positive Verbindung zu der Sprache bekommen und keine Angst oder Hemmungen haben, die Sprache anzuwenden, egal ob mit nur einem Wort oder mit 20 Wörtern.
Übungen, Tipps und Tricks für die bilinguale Erziehung
Das Immersionskonzept oder Sprachbad bedeutet, dass Kinder in alltäglichen Kindergartensituationen mit der Zweitsprache in Kontakt kommen. Dies passiert durch eine Bezugsperson. Diese Bezugsperson spricht immer mit den Kindern in einer bestimmten Sprache. Hiermit soll erreicht werden, dass sich die Kinder die Zweitsprache auf ähnliche Weise wie die Erstsprache aneignen können, nämlich durch alltägliche Situationen.
Scaffolding bedeutet, die Unterstützung und Erweiterung der Sprache durch die Nutzung von passendem Vokabular, Grammatik und Sprachkonstrukten durch die Fachkraft. Hier ist es wichtig, auf das Kind einzugehen und es sprachlich zu fordern und zu fördern - genau auf dem Niveau, auf dem es sich gerade befindet.
Sprachroutinen kombinieren alltäglichen Routinen (Zähneputzen, Schlafengehen, Morgenkreis usw.) und Sprache. Sie werden zwei- oder mehrsprachig erklärt, um das Verständnis und den Wortschatz zu erweitern. Die Kinder lernen die Wörter nebenbei, wenn sie diese Prozesse durchgehen.
Mit der Strategie Wörter „bereitstellen“ überlegt sich die Fachkraft, welche Wörter in einer bestimmten Situation nützlich wären und baut diese in einem Gespräch oder in eine Erklärung mit ein. Das ermöglicht es den Kindern, Wörter aufzuschnappen und selbst wieder anzuwenden. Wenn dies zweisprachig geschieht, gibt es gleich zwei Möglichkeiten, eine bleibende Verbindung zwischen Gegenstand/Konzept und der Sprache aufzubauen.
Eins ist immer wichtig, wenn man etwas Neues lernt – die Wiederholung. In der Erwachsenenbildung wird oft gesagt, dass man ein neues Wort sieben Mal hören muss, bevor dieses sich verfestigt und Teil des aktiven Wortschatzes wird. (Aktiver Wortschatz meint hier die Wörter, die man aktiv und ohne große Überlegung anwenden kann. Der passive Wortschatz sind die Wörter, die man erkennt, wenn man sie hört, selbst aber nicht aktiv anwendet.) Bei Kindern kann diese Zahl anders sein, aber wir können trotzdem davon ausgehen, dass Wiederholung auch hier unentbehrlich ist.
Egal, ob Groß oder Klein, man kann sehr viel durch Musik lernen. Kinder werden durch Musik in der Alphabetisierung unterstützt, indem sie Melodie und/oder Rhythmus mit Buchstaben oder Wörtern verbinden. Wenn man Musik in einer Gruppe hört und alle mitsingen, herrscht auch weniger individueller Druck, weil man nicht alleine spricht. Für manche Kinder ist das eine sichere Möglichkeit mitzumachen - ohne die Angst, Fehler zu machen.
Da Kleinkinder nicht lesen können, kann man anhand von Bildern oder Symbolen kommunizieren. Mit Symbol- und Rollenspielen werden die Kinder ermutigt, Wortbedeutung, Ausdrücke oder andere sprachliche Komponenten gemeinsam zu besprechen und Handlungen oder Anwendungen zu erforschen.
Über etwas nachzudenken ist immer wichtig, um etwas besser verstehen zu können. So ist es auch mit der Sprache. Möglichkeiten für Reflexion unterstützen den Spracherwerb und sind auch für Fachkräfte nicht zu vergessen!
Individuelle Unterstützung und die Interessen des Kindes sollten einbezogen und genau dort angeknüpft werden. Das gibt Kindern nicht nur das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, sondern fordern auch die entsprechenden Sprachkompetenzen.
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