Junge liegt auf dem Boden und schmollt.
Alltag
Veröffentlichung: 16.11.2020

Strafen und Konsequenzen im Kindergarten

Disziplin in der Kindergartengruppe, Strafen, die bei unerwünschten Verhaltensweisen erteilt werden und die Definition der konsequenten Erziehung sind große und streitbare Themen im heutigen pädagogischen Alltag. Wie gehen Erzieherinnen und Erzieher im Alltag mit Regelverstößen, Strafen, konsequentem Handeln und dem Erreichen der persönlichen Frustrationsgrenze um?
Janine Landwermann
Janine Landwermann
Online-Redakteurin

Häufig gestellte Fragen zu Strafen und Konsequenzen

Was ist eine Strafe?

Als Strafe bezeichnet man im erzieherischen Kontext – für den Bestraften – geplante, unangenehme Ereignisse oder Erziehungsmethoden wie das Wegnehmen eines Privilegs oder eines Spielzeugs durch den Strafenden bei einer Regelüberschreitung, um unerwünschtes Verhalten zu korrigieren, oder um Autorität auszuüben.

Wie wirken sich Strafen auf Kinder aus?

Strafen können sich negativ auf die soziale kindliche Entwicklung auswirken, ein verringertes Selbstbewusstsein bei Kindern zur Folge haben und, allgemein gesprochen, negative Gefühle wie Unsicherheit, Wut oder auch Gleichgültigkeit zur Folge haben.

Welche Alternativen zu Strafen gibt es?

Als Alternativen zu Strafen haben sich, ebenfalls umstritten, logische und natürliche Konsequenzen in vielen Konfliktsituationen etabliert. Die Sicherung der psychosozialen Grundbedürfnisse der Kinder durch aktives Zuhören, begleitete Time-outs und eine konsequente wie offene Kommunikation sind aus pädagogischer Sicht erfolgversprechender.

Was ist eine logische Konsequenz?

Im pädagogischen Sinn wird eine logische Konsequenz als unmittelbare Folge auf einen Regelverstoß beziehungsweise auf ein unerwünschtes Verhaltensmuster bezeichnet. Die Folgen und Auswirkungen des eigenen Handelns werden sichtbarer und der Fokus dieser pädagogischen Maßnahme liegt auf positivem Verhalten.

Wird im Kindergarten bestraft?

Auch in Kindergärten und Kitas wird der Alltag – im Rahmen des jeweiligen pädagogischen Konzeptes – durch Regeln und konsequentes Handeln bestimmt. Eine offene Kommunikation, die direkte Verbindung zwischen Ereignis und den daraus entstehenden Konsequenzen sowie das Einbeziehen von Alter und Entwicklungsstand der Kinder sind dabei äußerst wichtig.

Warum wirken Strafen oft nicht?

Strafen rufen negative Emotionen wie Wut Trauer und das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein hervor. Der natürliche Kooperationswille der Kinder wird geschwächt. Die Gründe für Regeln oder auch die natürlichen Konsequenzen, die sich aus einem Regelbruch ergeben, implementieren sich dauerhaft und erfolgreicher als die reine Abschreckung durch Bestrafung.

Kindergartenalltag: Regeln und Konsequenzen

Auch wenn Kindergärten und Kitas Räume der Entwicklung und des Ausprobierens für Kinder sind, so benötigen auch diese offenen und durch das Prinzip der Partizipation geprägten Einrichtungen Regeln. Regeln – auch gerne gemeinsam erarbeitet – sorgen für das Funktionieren des sozialen Miteinanders und sorgen für Sicherheit, sei diese nun emotional oder physisch. 

Die Regeln sollten entsprechend dem Alter und dem Entwicklungsstand der Kinder verständlich und umsetzbar sein. Regeln, die die Sicherheit unterstützen, könnten beispielsweise wie folgt lauten: „Im Flur nicht rennen.“, „Keine Spielsachen werfen.“, „Nicht schlagen, kneifen, beißen.“ Innerhalb der so entstandenen Grenzen entsteht ein sicherer Raum, in dem sich Kinder ausprobieren können, um daraufhin in ihrem eigenen Tempo Reaktionen, Verhaltensmuster und persönliche Eigenschaften zu entwickeln. Der pädagogischen Fachkraft kommt eine unterstützende, vermittelnde und impulsgebende Rolle zu. 

Muss jeder Regelverstoß Konsequenzen haben?

Gerade im oft turbulenten pädagogischen Alltag stoßen Erzieherinnen und Erzieher zuweilen an ihre Grenzen. Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse im Zusammenhang mit Strafen und Konsequenzen beeinflussen – oft auch unbeabsichtigt – die Reaktion auf Regelverstöße oder unerwünschtes Verhalten. Ziel sollte es für pädagogische Fachkräfte sein, diese eigenen Erfahrungen reflexiv zu behandeln und sie auch im Team offen anzusprechen. Gemeinsam können alternative Wege entwickelt werden, um diese Impulse in produktivere Bahnen zu lenken. 

Oft genügt hier schon ein wenig Abstand, ein Durchatmen oder ein festes Ritual, das den Pädagoginnen und Pädagogen in stressgeladenen Situationen hilft, die eigenen Erfahrungen zu neutralisieren. 

Wichtig bei Regelverstößen ist ein empathisches Herangehen: 

    • Die Bedürfnisse der Kinder hinterfragen.
    • Unterstützung und Interesse an der Situation zeigen.
    • Zeit für Erklärungen einplanen.
    • Persönliche Grenzen aufzeigen.
    • Das Übernehmen von Verantwortung fördern.
    • Individuelle Lösungsstrategien erarbeiten statt Kollektivstrafen.

Ganz allgemein gesprochen, fällt negatives oder regelverletzendes Verhalten Erwachsenen schneller und offensichtlicher ins Auge.  Daher ist es äußerst wichtig, dass positives Verhalten der Kinder - also das Einhalten der aufgestellten Regeln - direkt gelobt und durch eine wertschätzende Rückmeldung anerkannt wird. 

„Wenn-dann-Keule“ und aktives Zuhören

„Wenn du nicht …, dann …“ findet bis heute in vielen Familien Anwendung. Diese verbale Keule ruft eine Drohkulisse hervor, in der Empathie und bedürfnisorientierte Förderung zu kurz kommen. Ein Fachvortrag für interessierte Eltern im Rahmen eines Elternabends kann hier für Aufklärungsarbeit leisten. Die Erfahrungen, die Kinder bereits in frühen Jahren in ihrem Zuhause machen, sind die emotionalen Größen, auf denen die Arbeit in Kindergarten und Kita aufbaut. Stressoren in Alltagssituationen und in der Kommunikation werden ermittelt und dann gemeinsam mit den Kindern bearbeitet. 

Aktives Zuhören hilft Erzieherinnen und Erziehern, Konfliktsituationen zu ergründen und durch eine neutrale Beschreibung der Ausgangssituation (des Regelverstoßes) eine Basis für die konsequente Durchsetzung der Regeln zu schaffen. 

    • Ausgangslage neutral beschreiben.
    • Einzelne Auswirkungen auf das Kind und auf andere beschreiben.
    • Sichtweise und emotionale Situation des Kindes erfragen.
    • Bedürfnisse ermitteln.
    • Gemeinsam eine direkt umsetzbare Konsequenz festhalten. 
Kind und Erwachsene sitzen gemeinsam an einem Tisch und malen.

Beispiel:

Erik (5 Jahre) hat im Streit mit Thore (3 Jahre) die Wachsmalstifte auf den Boden des Gruppenraums geworfen und ist mit voller Kraft auf die Maler gesprungen, so dass der Boden nun einen großen Fleck hat.

Die Erzieherin Sabine begibt sich vermittelnd zwischen die immer noch streitenden Kinder und wirkt so als Stopp-Symbol für die aufgeladene Situation. Emotionale Bedürfnisse werden nun abgefragt, Kinder werden getröstet und mittels kurzer aber wichtiger Fragen wird die Situation übersichtlicher für Kinder und Erzieherinnen und Erzieher („Worüber habt ihr euch gestritten?“, „Wie fühlt ihr euch?“, „Was können wir gemeinsam tun?“). Für Erik geht es nun auch um die Konsequenz aus dem destruktiven Verhalten, das er im Streit an den Tag gelegt hat. Eine neutrale Beschreibung hilft hier, den emotionalen Druck aus dem Moment zu nehmen. Das Beschreiben von Auswirkungen betont die natürliche Kooperation im sozialen Umfeld. „Schau mal, die Wachsmaler liegen zerbrochen auf dem Boden. Ich denke, mit diesen Stiften können wir wohl nicht mehr malen. Dort ist ja auch ein Fleck.“

Im offenen Gespräch werden bekannte Gruppenregeln besprochen, von denen eine lautet: Wer etwas schmutzig macht, macht es auch wieder sauber. Erik entfernt also im Sinne der logischen und direkten Konsequenz selbstständig den Fleck vom Boden. Und als nächstes Bastelprojekt werden aus den zerbrochenen Wachsmalern mit Keksformen ganz neue und bunte Wachsmaler hergestellt. 

Ob Streitsituationen und Regelbrüche sich jedes einzelne Mal empathisch und lösungsorientiert behandeln lassen, bleibt im hektischen, durch Personalengpässe und zusätzliche Belastungen erschwerten Alltag fraglich. 

Daher ist es – auch im Sinne der seelischen Gesundheit – für pädagogische Fachkräfte wichtig, sich mit ihren eigenen frühkindlichen Erfahrungen hinsichtlich Strafen und Konsequenzen auseinanderzusetzen und sich außerdem eine stabile Grundstruktur konsequenten Handelns anzueignen. Ein vielseitig anwendbares Fragengerüst oder die generelle Sichtweise, Fehler als Lernchancen wahrzunehmen, haben deeskalierende Wirkung auf Kinder und Erwachsene und sichern so allen Parteien zu, ihre Integrität zu wahren. 

Ich-Botschaften für konstruktive Kommunikation

Ich-Botschaften sichern durch klare, wertfreie und nicht-wertende Aussagen einen erfolgreichen Gesprächsverlauf. Sie bestehen aus:

    • Beobachtung der Situation,
    • Gefühl, das die Situation auslöst,
    • Bedürfnis welcher Gefühlszustand angestrebt ist,
    • Wunsch – konkrete Bitte, wie die Situation zu lösen sein könnte.

Statt einer anklagenden Du-Botschaft, werden durch gezielt eingesetzte Ich-Botschaften die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ausgedrückt. Es entsteht eine transparente Basis, auf der Konfliktsituationen, Regeln und Streitfragen geklärt werden können. 

Beispiel: 

Du-Botschaft: „Du hast deine Schuhe ja immer noch nicht an! Warum trödelst du immer so?“

Ich Botschaft: „Deine Schuhe sind heute wohl wieder ein wenig störrisch. Wollen wir gemeinsam schauen, was da los ist? Dann können wir alle zusammen raus in den Garten gehen.“

Betzold Gewinnspiel Mai

Fazit:

Auch aus Situationen wie Regelverstößen oder ähnlich konfliktgeladenen Momenten, können Kinder gestärkt hervorgehen. Strafen sind hierbei nicht förderlich und bewirken in vielen Fällen Vertrauensverlust und lösen negative Gefühle aus, die mit dem Verinnerlichen der Regeln und mit einem Aufrechterhalten des angeborenen Kooperationswillens nur sehr schwer vereinbar sind. Die Eröffnung von Lernchancen und das Verstärken erwünschten Verhaltens führt dazu, dass Kinder gestärkt aus Konfliktsituationen hervorgehen. Künftige kritsche Situationen werden - bedingt durch den "Aha-Effekt" aus dem kindlichen Erfahrungsschatz - sicher umschifft. Offene, aktive Kommunikation wirkt sich also förderlich auf die kindliche Entwicklung aus, wohingegen Strafen in vielen Situationen einen negativen Effekt auf das Bilden von Erfahrungen haben. 

Grafik einer Sonnenblume.
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Janine Landwermann
Online-Redakteurin
Erinnern Sie sich noch an den Namen „Ihrer“ Erzieherin aus dem Kindergarten? Ich erinnere mich noch sehr gut an Frau Müller und die endlose Geduld, mit der sie uns Kinder damals im turbulenten Erzieher-Alltag gebändigt, motiviert, begleitet und unterstützt hat. Seit 2013 recherchiere ich bei Betzold in Ellwangen für Sie und Frau Müller Wissenswertes und Hilfreiches aus den Bereichen Pädagogik, Bildung und Organisation. 
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