Empathische Lehrkräfte – ein sicherer Halt für die Schülerschaft
Gerade für jüngere Schülerinnen und Schüler sind Lehrkräfte wichtige Bezugs- und oft auch Vertrauenspersonen. Deshalb sollten sich Lehrerinnen und Lehrer in die Welt der Schülerschaft hineinversetzen können, um ihre altersbedingten Ansichten nachzuvollziehen und vielleicht selbst neue Erkenntnisse für sich zu gewinnen.
Jede Klasse setzt sich aus unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen. Alle Beteiligten bringen ihre eigenen Weltanschauungen, charakterlichen Besonderheiten und emotionalen Bedürfnisse mit. Es ist nicht möglich, die Schülerinnen und Schüler als komplett homogene Gemeinschaft anzusehen.
Lehrkräfte müssen sich auf die Individualität einlassen können. Dies gelingt ihnen mit einem empathischen Auftreten. Wer seine Schützlinge ernst nimmt, ihnen in einem Gespräch unter vier Augen die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt und Anteilnahme signalisiert, gewinnt das Vertrauen der Schülerschaft. Unter solchen günstigen Voraussetzungen fühlen sich die Klassenmitglieder in der Schule wohler, was sich an Fortschritten beim Lernen zeigt.
Daneben nehmen sie eine empathische Lehrperson als emotional kompetent wahr. Dieser Umstand verbessert das Verhältnis zwischen der Lehrkraft und den Schülerinnen und Schülern.
Empathie im Klassenverband – gemeinsam ein soziales Umfeld schaffen
Die Klassenmitglieder bilden eine Klassengemeinschaft. Sie lässt sich als eine in sich geschlossene Gesellschaft betrachten.
Hier gelten Klassen- und Schulregeln als Basis für ein gelungenes Zusammenleben. Häufig werden die Regelwerke als Einschränkung empfunden. In Wirklichkeit helfen sie beim täglichen Miteinander. Als Handlungsleitfäden zeigen sie der Schülerschaft – und dem Lehrerkollegium – auf, wie man Konflikte löst, konstruktive Gespräche führt und sich gegenseitig respektiert.
Mitfühlende Schülerinnen und Schüler mit einem guten Einfühlungsvermögen tragen zu einem positiven Klima im Klassenverband bei. Ein von Empathie geprägter Umgang wirkt Mobbing oft entgegen oder ermutigt bislang Unbeteiligte, sich aktiv für das betroffene Klassenmitglied einzusetzen.
Empathie als Unterrichtsthema? Na klar!
Empathie kann man üben. Fachlehrkräfte haben die Möglichkeit, die Bedeutung von Werten wie Einfühlsamkeit und Rücksichtnahme in ihren Unterricht zu integrieren. Fächer wie Religion/Werte und Normen eignen sich für Lehrinhalte mit einem Bezug zu dieser Thematik.
Fragerunde „Wie würde es mir dabei gehen?“
Für jüngere Klassenstufen empfiehlt sich eine offene Fragerunde. Unter der Fragestellung „Wie würde es mir dabei gehen?“ werden alltagsnahe Situationen geschildert.
Beispiele für Situationen aus dem echten Leben:
- Meine beste Freundin/mein bester Freund nimmt mir meine Sachen weg.
- Ich bekomme zum Geburtstag einen Kuchen.
- Ein Lehrer lobt mich, weil ich eine gute Klassenarbeit geschrieben habe.
- Ich habe mich mit jemandem aus meiner Klasse gestritten, jetzt muss nur ich nachsitzen.
Anmerkung: Die beispielhaften Situationen setzen sich aus Szenarien zusammen, die überwiegend positiv oder negativ konnotiert sind. Grundsätzlich sollten sie als „ergebnisoffen“ betrachtet werden. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Gefühle sind individuell. Darauf sollten Lehrpersonen und natürlich auch Mitschülerinnen und Mitschüler im Unterricht Rücksicht nehmen.
Die Fragerunde wird offen gehalten; das bedeutet, dass sich alle Anwesenden frei äußern dürfen. Die Wortbeiträge werden an der Tafel oder am Whiteboard gesammelt.
Anschließend findet ein Gespräch im Klassenverband statt.
Das Ziel der Unterrichtseinheit besteht darin, die Sensibilität der Einzelnen für die Gemütslagen der anderen Klassenmitglieder zu schärfen. Gleichzeitig lernen die Schülerinnen und Schüler, sich selbst besser zu verstehen. So sind sie in der Lage, ihre eigenen Gefühle zu benennen und aus dieser Erkenntnis heraus verständnisvoller ihren Mitmenschen gegenüber zu sein.
Rollenspiele
Ein anderer Arbeitsauftrag sieht Rollenspiele vor, bei denen Szenen aus dem Alltag nachgestellt werden. Diese Aufgabe kann sich im Unterricht an die Fragerunde angliedern oder sie wird unabhängig von den Fragestellungen durchgeführt. Bei den Rollenspielen steht die Frage nach dem eigenen Handeln beziehungsweise den persönlichen Handlungsmotiven im Mittelpunkt.
Die Anwesenden werden in etwa gleich große Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe überlegt sich eine Alltagssituation, in der es sowohl auf Empathie als auch auf aktives Handeln ankommt. Andernfalls gibt die Fachlehrkraft die Situationen vor, welche mit verteilten Rollen nachgespielt werden.
Beispiele für die Szenen:
- Eine Mitschülerin/ein Mitschüler wird geärgert
- Ein Klassenmitglied sitzt weinend am Tisch
- Eine Schülerin/ein Schüler aus einer Parallelklasse steht immer alleine auf dem Pausenhof und schaut den anderen traurig zu
- Ich sehe eine Situation, bei der ich nicht erkennen kann, ob jemand ausgelacht wird oder ob die Beteiligten miteinander über etwas lachen
Auf die grobe Einteilung und Themenfindung folgt die Arbeitsphase. Jede Gruppe studiert ihre Szene ein. Am Ende werden alle Rollenspiele präsentiert. Die durchschnittliche Dauer für jede Szene liegt bei 2 bis maximal 5 Minuten.
Nach der Präsentation tauschen sich die Klassenmitglieder über die Szenen aus.
Dabei stehen die folgenden Fragen im Mittelpunkt:
- Was war gut gelungen? Was hätte besser umgesetzt werden können? (allgemeines Feedback zur Qualität der selbst entwickelten Rollenspiele)
- Inwieweit war das Thema Mitgefühl, Mitleid und Einfühlungsvermögen präsent? Wurde die Thematik deutlich genug ausgearbeitet?
- Wurde das Ende der Szene so gestaltet, dass es eine Botschaft bzw. einen Appell an das eigene Verhalten enthält?
Bei den Rollenspielen kommt es auf künstlerische Freiheit an. Die Gruppenmitglieder dürfen ihre Szene nach Belieben ausschmücken. Wenn das Ende eines Rollenspiels eine überraschende Wendung nimmt (z. B. dass dem weinenden Klassenmitglied nicht geholfen wird), wird mit den Anwesenden darüber gesprochen. Die Lehrkraft fragt sie, weshalb sie sich in ihrer Gruppe für diesen Ausgang der Situation entschieden haben.
Analytische Herangehensweise für höhere Klassenstufen
In höheren Klassenstufen wird das Thema aus einer analytischen Perspektive behandelt. Im Unterricht spricht die Lehrkraft vier Fragen an, über die mit der Klasse diskutiert wird:
- Wie entstehen Gefühle bzw. was löst bestimmte Gefühlsregungen aus?
- Wie erkenne ich Gefühlslagen bei anderen und wie ordne ich sie richtig ein?
- Wie versetze ich mich in mein Gegenüber hinein?
- Wie schaffe ich es, meine eigenen Gefühle zu kontrollieren?
Die ältere Schülerschaft soll zu der Erkenntnis gelangen, dass Gefühle in der Regel spontane Reaktionen auf äußere Umstände sind. Man kann sie nur in geringem Maße beeinflussen. Es ist jedoch möglich, eine gewisse Kontrollfähigkeit über die eigenen Impulse zu bekommen.
Für die Beurteilung der Gefühle anderer Personen sind gute Kenntnisse über die eigene Gefühlswelt wichtig. Man muss sich trotzdem darüber bewusst sein, dass jeder Mensch anders empfindet. Eine grundsätzliche Offenheit und die Akzeptanz gegenüber den Gefühlslagen anderer sind von Vorteil.
Für die Kontrolle der eigenen Impulse kommt es auf eine gute Selbstkenntnis an. Wer weiß, wie er sich in bestimmten Situationen fühlt, kann seine Gefühle in solchen Momenten besser regulieren. Oftmals braucht es mehrere Anläufe, bis diese Selbstkontrolle fast automatisch funktioniert.
Lehrerinnen und Lehrer sollten die Klassenmitglieder trotzdem dazu ermutigen, genau in sich hineinzufühlen und die eigene Gefühlswelt näher kennenzulernen. In diesem Fall fällt ihnen die Beurteilung von Emotionen der anderen Anwesenden leichter.
Schlusswort – Empathie als Kernkompetenz
Ein empathisches Verhalten ist der Wegbereiter für andere charakterliche Merkmale wie Hilfsbereitschaft oder Toleranz. Lehrerinnen und Lehrer können nie früh genug damit anfangen, ihrer Schülerschaft bei der Herausbildung und Stärkung dieser Fähigkeit zu helfen.
Bezüglich Mitgefühl ist jede und jeder Einzelne gefragt. Das betrifft auch die Lehrkräfte – sie haben die Aufgabe, für ihre Schülerschaft ein gutes Vorbild zu sein. Umgekehrt bereitet ein von Empathie geprägtes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden den Weg für eine positive Lernatmosphäre.
Wer bereits während der Schulzeit seine Fähigkeit zum Mitgefühl ausbaut, wird diese soziale Kompetenz auch im späteren Leben beibehalten. Deshalb ebnet Empathie im Klassenzimmer die Bahn für eine Zukunft, in der Rücksichtnahme und Respekt keine Fremdwörter sind, sondern von den Beteiligten in ihrem Alltag umgesetzt werden.