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Schülerförderung
Veröffentlichung: 21.05.2026

Von der Blockade zum Erfolg: Praktische Übungen für mehr Selbstwirksamkeit an der Schule

Wie lernen Kinder, an sich selbst zu glauben? Der Beitrag zeigt anhand konkreter Beispiele aus dem Schulalltag, wie Selbstwirksamkeit gezielt gefördert werden kann – von kleinen Erfolgserlebnissen über motivierendes Feedback bis hin zu Übungen aus der Montessori-Pädagogik. Mit Download für einen Mutmach-Fächer!
Luca Intzen
Luca Intzen
Gastautor

1. Was ist Selbstwirksamkeit? Ein Fallbeispiel

Die 8-jährige Linda ist ein Kind, das man im Kollegium oft als „besonders sensibel“ beschreibt. Sobald die Mathestunde beginnt und eine neue, komplexere Sachaufgabe an der Tafel erscheint, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Die erste intuitive Reaktion mag sein: „Linda ist heute wieder emotional instabil.“ Doch wer den Blick schärft, erkennt hinter den Tränen eine tief sitzende Krise der Selbstwirksamkeit. Linda weint nicht, weil sie traurig ist, sondern weil ihre innere Stimme bereits beschlossen hat: „Das schaffe ich nie!“ 

Das Beispiel zeigt auf, dass das Lernen nicht nur mit Interesse und Lernwille zu tun hat. Im Gesamtprozess spielt eine weitere Komponente eine entscheidende Rolle: die Selbstwirksamkeit.

Selbstwirksamkeit ist der Glaube daran, aus den eigenen Fähigkeiten heraus Herausforderungen zu meistern. Positive Erfahrungen sind dabei der Antrieb für neue Aufgaben. Es ist die Erkenntnis, dass das Handeln und der Mut eine Bedeutung haben.

Selbstwirksamkeit ist damit eng mit dem eigenen Selbstbild verbunden und bildet die Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung und ein nachhaltiges Lernen. 

Ist sich ein Kind seiner Fähigkeiten bewusst und konnte es positive Erfahrungen machen, wird es …

  • größere Herausforderungen angehen und sich höhere Ziele setzen.
  • eigenständiger lernen.
  • ausdauernder und gründlicher lernen. 
  • mehr Freude am Lernen haben.
  • sich durch Rückschläge nicht vom Lernen abbringen lassen.

2. Selbstwirksamkeit in Schule und Unterricht fördern: Praxisbeispiele

Pfeil mit Stufen zu mehr Selbstwirksamkeit

Kinder lernen am besten durch eigenes Handeln. Der größte Einfluss liegt daher in direkten Erfahrungen erfolgreichen Handelns. Sehen Kinder, dass sich ihre Anstrengung auszahlt, wird ihre Selbstwirksamkeit gestärkt. Auch von zukünftigen Misserfolgen lässt man sich dann nicht mehr so leicht unterkriegen.

Wichtig ist es hierbei, kleinschrittig vorzugehen, um Erfolge besser sichtbar zu machen. Lernen Kinder beispielsweise das Schuhebinden, ist es sinnvoll, zuerst den einfachen Grundknoten zu üben. Wenn das Kind diesen Knoten beherrscht, ist dies das erste Erfolgserlebnis und es kann zum Schleifenbinden übergegangen werden. 

Eine große Erleichterung im Schulalltag ist es, diese Kleinschrittigkeit gemeinsam mit dem Kind zu visualisieren. In der Praxis erprobt ist die „Ich-schaffe-das“-Treppe. Bei einem größeren Lernziel ist es sinnvoll, die Lernschritte in Etappen zu unterteilen, sodass dem Kind das Ziel erreichbar erscheint.

Ich-schaffe-das-Treppe

Die achtjährige Linda ist sich ihrer Selbstwirksamkeit in Mathematik noch nicht bewusst. Sie scheut jede neue Herausforderung. Heute steht das Thema „Kleines Einmaleins“ an. Die Lehrkraft weiß über die Problematik Bescheid. Noch bevor die Stunde beginnt, nimmt sie sich Zeit für Linda und bespricht gemeinsam mit ihr ihre Zwischenziele:

„Wir nehmen uns nicht alle Reihen auf einmal vor, sondern teilen sie auf: Zuerst wagen wir uns an die Königsaufgaben, also die 2er-, 5er- und 10er-Reihe. Danach machen wir die Verdoppler, also die 4er- und die 8er-Reihe. Anschließend entdecken wir die Nachbarn, also die 3er-, 6er-, 7er- und die 9er-Reihe.“

Nach dieser Besprechung sieht Lindas Treppe so aus: 

Ich-schaffe-das-Treppe

Aufgrund Lindas geringem Selbstwirksamkeitsempfinden macht es Sinn, als Lehrperson die Etappenziele mitzubestimmen. Auf lange Sicht ist es sinnvoll, die Kinder selbst ihre Ziele aufstellen zu lassen. Sie sind stolz auf ihre Ziele und möchten diese einhalten.

Das Beobachten positiver Handlungen anderer zur Steigerung der Selbstwirksamkeit ist besonders effektiv, wenn hierzu Personen herangezogen werden, die dem Lernenden in seinen Attributen ähneln. In der Schule sind dies meistens Mitschülerinnen und Mitschüler. Haben diese zuvor selbst Schwierigkeiten bei einer Aufgabe gehabt, ist es ratsam, sie als Experten einzusetzen. Dies wirkt glaubwürdiger auf den Lernenden.

Linda weint und tut sich sichtlich schwer damit, die Mathematikaufgabe anzufangen. Die Lehrperson bittet ein Kind, das zuvor ebenso Schwierigkeiten hatte, Linda die Aufgaben und seine Herangehensweise zu zeigen. 

Äußerungen von Bezugspersonen können die Selbstwirksamkeit positiv beeinflussen. Bezugspersonen sind die Lehrpersonen, aber auch die Eltern. Die Lehrperson muss sich darüber im Klaren sein, wie bedeutend ihre Meinung für jedes Kind ist. Grundvoraussetzungen für ein selbstwirksamkeitsförderndes Feedback sind die volle Zuversicht und das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes. 
Das Feedback einer Lehrperson sollte …

  • ein gezieltes Lob beinhalten:
    „Die 2er-Reihe hast du schnell, korrekt und völlig  auswendig vorgetragen!“
  • den positiven Fokus bewahren:
    „Das Einmaleins zu lernen ist wirklich schwer. Auch ich musste lange dafür lernen. Die ersten Reihen kannst du schon sehr gut. Alles andere schaffen wir auch noch!“
  • sich bei Rückschlägen auf bereits Erreichtes berufen:
    „Schau mal, du kannst ja schon das Einmaleins, denn die 2er- und die 5er-Reihe gelingen dir hervorragend. Die anderen Reihen schaffen wir im Nu.“

Sicherlich sind solche Äußerungen erschöpflich. Sie verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn der versprochene Erfolg ausbleibt. Sinnvoll ist es deshalb, aus der Du- in die Ich-Form zu wechseln. Eine Bastelstunde ist zum Beispiel gut genutzt, um Mutmach-Fächer zu basteln. Diese haben die Kinder jederzeit griffbereit in ihrem Mäppchen. Die Praxis zeigt, dass die Kinder diese Fächer eigeninitiativ verwenden und anschließend tatsächlich zuversichtlicher sind.

Hier finden Sie die Bastelvorlage für die Mutmach-Fächer:

Zweifeln Kinder an ihrer Selbstwirksamkeit, macht sich oft Angst in ihnen breit. Dann gelangen sie in einen Zustand emotionaler Erregung. Oft zeigt sich dies an Schnappatmungen, schwitzigen und zitternden Händen oder Blässe. Dieser Zustand wird einer Lehrperson meist sofort deutlich. Sinnvoll ist es deshalb, zu wissen, was zu tun ist, um die Lage zu beruhigen. Denn erst dann kann ein Zuspruch oder ein konkretes Handeln Erfolg versprechen:

  • Der Supermann/Die Superfrau
    „Wir stellen uns aufrecht hin und zeigen unsere Muckis. Nun sagen wir laut: „Ich bin Superman/Superfrau, ich kann alles schaffen!“
  • Sich komplett ausschütteln
    „Wir stellen uns aufrecht hin und schütteln unseren Körper. Spürst du, wie wir die ganze Angst einfach wegschütteln?“
  • Tief durchatmen
    „Wir stellen uns aufrecht hin und atmen nun dreimal tief ein und wieder aus.“
  • Mut zusprechen
    „Sprich mir bitte nach! „Ich kann  das!", „Ich kann alles schaffen!“, „Ich bin stark!“

Das Kind steuert seine Entwicklung und den Umgang mit Herausforderungen grundsätzlich selbst. Dennoch spielt – wie bei jeder Entwicklung eines Kindes – das Umfeld eine entscheidende Rolle. Mit zunehmendem Alter bekommt der soziale Kontext stetig mehr Bedeutung. Gerade deshalb ist es wichtig, das eigene Handeln und die eigenen Äußerungen zu hinterfragen.

Die folgende Checkliste soll Abhilfe im (Schul-)Alltag schaffen und zur Reflexion anregen:

Checkliste

1. Fokus auf das Kind
a) Hintergrund kennen

  • Wie geht es dem Kind? Hat es in letzter Zeit etwas Schlimmes erlebt?
  • Besitzt das Kind ausreichend Vorwissen zur Bewältigung der Aufgabe?
  • Entspricht die Herausforderung dem momentanen Lernfenster des Kindes?

b) Äußerlichkeiten wahrnehmen

  • Wie äußert das Kind sein Unwohlsein (Vermeidung, Distanz, körperliche Anzeichen, Fehlzeiten)?

2. Fokus auf das Selbst

  • Wie ist meine Einstellung zum Kind? Bin ich selbst gerade zur Förderung bereit? 
  • Mache ich meine Vorstellungen dem Kind ausreichend transparent?
  • Wie unterstütze ich das Kind verbal?
  • Welche Methode zur Stärkung der Selbstwirksamkeit wird dem Kind gefallen?
  • Wie reagiert das Kind auf mich?

3. Fokus auf die Rahmenbedingungen
a) Schule

  • Bei welchem Fach/ welcher Lernform/ welchem Material zeigt sich das Unwohlsein?
  • Welches Kind kann das Kind bei der Bearbeitung unterstützen?
  • Wie ist das Klassenklima momentan (gegenseitige Hilfsbereitschaft, Anerkennung, Klarheit in den Regeln)?

b) Familiäres Umfeld

  • Wo, wie und wann lernt das Kind am besten/am liebsten?

3. Selbstwirksamkeit in der Montessori-Pädagogik erleben

Durch reformpädagogische Ansätze kann die Selbstwirksamkeit unmittelbar und kindgerecht erfahren werden. So werden zum Beispiel Kleinkinder auf Montessori-Art an alltägliche Praktiken herangeführt.
In den Übungen des täglichen Lebens üben sie sich im Kehren, Wischen, Umschütten oder im Zusammenlegen. Sie führen Tätigkeiten ihrer Eltern – der großen Vorbilder – aus und erkennen darin ein Ziel und die Bedeutung für ihr eigenes Leben. Sie erleben wahre Selbstwirksamkeit. Die Übungen des täglichen Lebens sind recht einfach gehalten und damit zu bewältigen. 

Durch die Isolation der Schwierigkeit der Montessori-Materialien, also die Reduzierung auf eine Schwierigkeit im Material, ist eine Kleinschrittigkeit gegeben. Die Kinder kennen ihr Ziel genau. Die Rahmung ist demnach bekannt und der Erfolg erreichbar. 

Montessori-Materialien melden den Kindern durch ihre Selbstkontrolle sofort zurück, ob ihr Gedankengang richtig war.

Hat sich ein Fehler eingeschlichen, zeigt das Material diesen an und er kann durch das Kind umgehend verbessert werden. Es braucht nicht auf die Rückmeldung der Lehrkraft zu warten, sondern leitet sich selbst. Rückschläge sind hierdurch weniger prägend. 

Material für eine Leseübung
Eine Leseübung für Erstklässlerinnen und Erstklässler enthält durch einen farbigen Punkt auf der Rückseite eine Selbstkontrolle. Nachdem der kurze Satz gelesen wurde, kann auf Richtigkeit überprüft werden.

Selbstwirksamkeitserfahrungen stehen immer auch mit einer optimistischen Haltung zum Lernen in Verbindung. Deshalb spielt die Wahl der Arbeit nach Montessori eine sehr positive Rolle. Wird den Kindern zumindest die Wahl zwischen zwei Lernmöglichkeiten gelassen, werden selbstwirksamkeitsbegünstigende Erfolgserlebnisse wahrscheinlicher.

Die Lehrperson lässt Linda die Wahl, mit welchem Bereich sie starten möchte. Die Startübungen sind bereits bekannte Themen. Linda wird hierbei positive Erfahrungen machen. Diese werden dafür sorgen, dass sie dem anschließenden Einstieg in ein neues Thema nicht mehr so negativ gegenüberstehen wird.

4. Auch ohne konkrete Lernphasen Selbstwirksamkeit fördern

Selbstwirksamkeit erfahren Kinder nicht nur in den Lernphasen. Sie wird in besonderem Maße gefördert, wenn die Kinder in sozialen Momenten eines Schultages mitbestimmen dürfen.

Kinder setzen sich für gewöhnlich selbst nur Verhaltensregeln, die sie einhalten können und wollen. Es motiviert sie, ihre Regeln zu befolgen. Erkennen sie nun, dass ihre Regeln tatsächlich eingehalten werden, und dass sie zu einem angenehmen Zusammenleben beitragen, bedingt dies ihre Selbstwirksamkeit positiv. Durch die eigenen Fähigkeiten ist etwas entstanden, das eine positive Auswirkung hat. 

5. Als Lehrperson Selbstwirksamkeit erfahren

Eine gute Lehrperson möchte stets das Beste für ihre Schülerinnen und Schüler. Gerade aus dieser lobenswerten Haltung heraus lohnt sich ein Schritt zurück: Eine gute Lehrperson erfährt selbst Selbstwirksamkeit. Denn die positiven Auswirkungen einer hohen Selbstwirksamkeit lassen sich auch auf Erwachsene beziehen. Ist sich eine Lehrperson über die eigenen Fähigkeiten bewusst, traut sie sich mehr zu und hat mehr Geduld und Ausdauer. 
Wie also nun die eigene Selbstwirksamkeit erhöhen?

  • Vertrauen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern! Äußern sie Dankbarkeit, ist dies eine besonders hohe Wertschätzung Ihrer pädagogischen Arbeit!
  • Machen Sie sich selbst Mut und sprechen Sie sich positiv zu! Auch Sie dürfen einen eigenen Mutmach-Fächer im Geldbeutel besitzen.
  • Wagen Sie sich an neue Herausforderungen und evaluieren Sie diese! Rückschläge bringen Sie weiter!
  • Sprechen Sie mit Kolleginnen und Kollegen und lassen Sie sich konstruktives Feedback geben.

Quellen

  • Jerusalem, M. & Schwarzer, R. (2002). Das Konzept der Selbstwirksamkeit. In M. Jerusalem & D. Hopf (Hrsg.), Zeitschrift für Pädagogik Beiheft: Bd. 44. Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen (S. 28–53). Beltz
  • Müller, E. "Ich kann das!": Selbstwirksamkeit bei Kindern fördern. Das Leistungsheft: Kindergarten heute, 2012(2), S. 4–9.
  • Pütz, T. & Klein-Landeck, P. M. (2019). Montessori-Pädagogik: Einführung in Theorie und Praxis. Montessori-Praxis. Verlag Herder GmbH 
  • Ziegler, M. Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit: Zur Bedeutung von Selbstwirksamkeit für und bei Kindern und Jugendlichen mit Lernbehinderungen. Lernen fördern, 14, S. 4–14.
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Wer schreibt hier?

Luca Intzen
Gastautor
Mein Name ist Luca Intzen. Seit des Abschlusses meines Studiums leite ich als faps-zertifizierter Montessori-Pädagoge eine altersgemischte Grundschulstufe an einer Montessori-Schule und bin zugleich Teil des dortigen Schulleitungsteams. Die Aufgabe, Kindern auf ihrem individuellen Weg zu begleiten und sie hierbei in ihren Stärken zu fördern, führe ich tagtäglich mit großer Begeisterung aus.