Um Neukunden für unser noch sehr junges Unternehmen zu gewinnen und vorhandene Abnehmer an uns zu binden, war ich sehr viel unterwegs. Außerdem warben wir schon damals mit einem kleinen schwarz-weiß gedruckten Katalog.
Weil kein Geld da war, durfte dieses Heft kaum etwas kosten. Um die Satzkosten zu sparen, tippte Tina die Texte auf ihrer kleinen Reiseschreibmaschine. Die Bilder durften wir aus den Katalogen und Prospekten der Hersteller herauskopieren.
Heute im Jahr 2020 wundert sich jeder, dass wir damals mit so einem einfachen Werbemittel Erfolg haben konnten.
Neue Produkte und kurze Lieferzeiten sorgten für einen guten Ruf
Die Kunden ärgerten sich damals über die unerträglich langen Lieferzeiten beim etablierten Lehrmittelhandel. Das konnten wir uns zu Nutze machen. Zwar besaßen wir noch kein Geld für eine großzügige Lagerhaltung, da konnten aber auch gute Dispositionen helfen. Ein Beispiel: Biologische Modelle wurden damals überall gebraucht. Torsomodelle lieferte der Hersteller frühestens ein Jahr nach der Bestellung.
Da wir ungefähr wussten, mit welchen Aufträgen wir in absehbarer Zeit rechnen konnten, gingen wir das Risiko ein und bestellten nicht mehr nur auftragsbezogen, sondern nach dem für die Zukunft geschätzten Bedarf oft schon ein Jahr vor dem zu erwartenden Auftragseingang. So konnten wir viel schneller liefern als andere. Unser Ruf wurde immer besser.
In den Anfangsjahren interessierten sich unsere Schulkunden für Geräte wie Tageslichtprojektoren, Episkope, Kopierer, Matrizendrucker, Bindemaschinen, Laminiergeräte, Tonverstärker und Ähnliches. Diese Geräte verursachten damals einen riesigen Bedarf an Verbrauchsmaterial.
Für viele Lehrer waren all diese Dinge sensationell neu, heute im Jahr 2020 sind die meisten schon seit Langem alte Hüte. Manche kennt jetzt kein Mensch mehr. Wir spezialisierten uns damals auf diese begehrten Produkte und gewannen sehr viele Neukunden.
Damit unser sehr junges und zunächst auch noch kleines Unternehmen wachsen konnte, mussten fortschrittliche und loyale Lieferanten neu dazukommen. Solche fanden wir nach und nach im In- und Ausland. Das Jahr 1971 war unser erstes volles Geschäftsjahr. Am Ende desselben hatten wir etwa 300.000 DM umgesetzt. Das war mehr als Tina und ich am Anfang erhofft hatten.
Steckwürfel werden zum Verkaufsschlager
Schon seit einigen Jahren planten die Kultusministerien der deutschen Bundesländer eine tiefgreifende Modernisierung des Mathematikunterrichts. Über Begriffe wie „Mengenlehre“ oder „moderne Mathematik“ wurde inzwischen an allen Schulen viel diskutiert. Jetzt im Jahr 1972 begannen an vielen Grundschulen Unterrichtsversuche. Neue Lehr- und Arbeitsmittel wurden gebraucht.
Schulbuch- und Lehrmittelverlage entwickelten solche. Wir mussten zusehen, dass wir nicht zu spät kommen. Wir fanden Lieferanten für fast alles, außer nach allen Seiten zusammenstellbare Würfel, welche die Grundschulen unbedingt benötigten. Es gab welche aus England. Dafür hatte sich aber ein Mitbewerber die Vertriebsrechte gesichert. Das sah zunächst schlecht für uns aus.
Doch Tinas Aufmerksamkeit und ihr Spürsinn verwandelten die Notlage in eine Riesenchance. Während eines Messerundgangs sah sie bei einem von anderen kaum beachteten Aussteller genau die Würfel, welche wir brauchten. Sie waren sogar wesentlich besser und stabiler als die englischen. Sowohl ich persönlich als auch unsere Konkurrenten waren tollpatschig am Messestand vorbeigelatscht.