Gibt es Angaben, wie viele Kinder betroffen sind?
Ja, wir gehen aufgrund von Feldstudien für Deutschland davon aus, dass etwa 5 bis 7 % der Kinder von der ADHS betroffen sind. Die Zahlen schwanken etwas, weil es immer auch eine Frage ist, wie streng die Diagnosekriterien ausgelegt werden. Die höhere Zahl berücksichtigt auch, dass wir unter den Kindern, die nicht hyperaktiv sind und weniger nach außen gerichtetes Verhalten zeigen, wahrscheinlich einige übersehen.
Diese Zahlen decken sich mit den Ergebnissen von Studien, die weltweit durchgeführt wurden. Ganz allgemein formuliert: Achtet man darauf, ob es Kinder gibt, die aufgrund ihres impulsiven Verhaltens Probleme in der Gemeinschaft haben, dann zeigt sich die Symptomatik in allen Kulturkreisen.
Haben Sie den Eindruck, dass die Anzahl von Kindern mit ADHS zunimmt? Oder werden einfach mehr Fälle diagnostiziert?
Ein erheblicher Teil der Zunahme der Diagnosen hängt sicherlich mit dem Bekanntheitsgrad und einem größeren Bewusstsein für das Störungsbild und die Behandlungsmöglichkeiten bei Eltern und den Kinderärztinnen und -ärzten zusammen.
Es gibt Hinweise darauf, dass die Prävalenz der ADHS in den letzten Jahrzehnten leicht zugenommen hat. Neben der genetischen Disposition, die etwa 70 % ausmacht, wie Zwillingsstudien zeigen konnten, gibt es bei den restlichen 30 % eine gewisse Variabilität. Ein wesentlicher Teil dieser Variabilität ist darauf zurückzuführen, dass v. a. in den ersten Lebensjahren im Rahmen eines evolutionär bedingten Anpassungsprozesses an unsere Umwelt bestimmte Verarbeitungsvoraussetzungen im Gehirn geschaffen werden.
Wenn ich als Kind bis zur Pubertät in einer besonders reizüberfluteten Umgebung aufwachse, wird im Rahmen dieses Anpassungsprozesses das für ADHS verantwortliche dopaminerge System stärker ausgebaut. Dopamin ist ein Botenstoff, der mit seinen Funktionen im Körper u. a. dafür sorgt, dass die Erregungsleitung zum präfrontalen Cortex funktioniert, wo dann die Verhaltenshemmung stattfindet. Anders, als man annehmen könnte, führt ein stärkerer Ausbau des dopaminergen Systems jedoch nicht zu einer grundsätzlich größeren gezielten Aktivität des präfrontalen Cortex. Vielmehr bedingt die große Reizoffenheit und Reizverarbeitungskapazität im Gehirn, dass der einzelne Reiz nicht mehr im gleichen Maße gehemmt werden kann, als dies der Fall wäre, müssten weniger Reize verarbeitet und mit ihnen verbundene Reaktionen gehemmt werden.
Würde das Kind beispielsweise im Dschungel geboren, wo es sehr viele Bedrohungen gibt, die zwischen den Blättern lauern können, braucht es ein Verarbeitungssystem, das es ihm erlaubt, auf sehr viele Reize zu achten. Das geschieht allerdings zu Lasten der Fähigkeit, sich gut auf eine Sache konzentrieren zu können. Steht dieses Kind an der Schwelle zur ADHS, kann eine reizüberflutete Umgebung dazu beitragen, dass sich das entsprechende Verhalten verstärkt. Wächst das Kind in einer ruhigen Umgebung auf, kann das unter Umständen bewirken, dass das dopaminerge System nicht so stark auswächst und sich das Verhalten eher dem von Kindern ohne ADHS annähert.
Wie können Lehrkräfte beim Verdacht auf ADHS bei einem Kind vorgehen und was hilft Kindern mit ADHS im schulischen Umfeld?
Bevor ich mit den Eltern über das Verhalten des Kindes sprechen würde, würde ich lieber etwas machen, das allen Kindern hilft, aber den Kindern mit ADHS ganz besonders: Ich würde versuchen, eine Klassenstruktur zu schaffen, in der es möglichst wenig Ablenkung gibt und in der es relativ ruhig ist. Eigentlich muss man ehrlicherweise sagen, dass der Frontalunterricht mit nach vorne gerichteten Tischreihen für ADHS-Kinder die beste Form des Unterrichts ist, da sie sich so gut auf die Lehrkraft konzentrieren können. An Gruppentischen, die für bestimmte Projekte sicher sinnvoll sind, oder auch bei einer U-förmigen Sitzordnung ist das wegen der vielen Ablenkungen schwieriger.
Auch die Ausstattung des Klassenzimmers sollte möglichst wenig ablenken und das Kind sollte nicht am Fenster sitzen, von wo aus es andere Kinder draußen herumrennen sieht oder vor dem andere spannende Dinge passieren. Mit einer Kombination aus einer ablenkungsarmen Struktur und einem guten Unterrichtsangebot, sind bereits wichtige Voraussetzungen geschaffen.
Wenn die Probleme dennoch nicht in den Griff zu bekommen sind, würde ich mit den Eltern sprechen. Ich würde sie fragen, ob sie selbst schon einmal daran gedacht haben, dass dem Verhalten etwas in der Konstitution des Kindes zugrunde liegen könnte, wie z. B. eine ADHS, und ob sie das nicht von Fachleuten untersuchen lassen möchten.
Außerdem würde ich erklären, dass ich im Unterricht sehe, dass es dem Kind trotz aller Bemühungen nicht gelingt, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, und dies auch immer in den Zusammenhang stellen, dass das Kind Probleme hat, seine Potenziale auszuschöpfen, und eher nicht sagen, dass ein pathologisches Verhalten vorliegt, das man als Lehrkraft in der Klasse nicht mehr aushalten kann.
Ist ein Kind in der Klasse, das extrem ablenkbar oder impulsiv ist und vielleicht sogar anderen Kinder schadet, und es hilft nicht, dass das Kind ganz vorne sitzt, einen Tisch für sich alleine hat, dass man vieles tut, um es immer wieder zu fokussieren, dann muss man auch darüber reden, dass man handeln muss, weil sonst kein Unterricht mehr möglich ist. Die anderen Kinder haben auch ein Recht darauf, dass es einen funktionierenden Unterricht gibt und die Lehrkraft genug Zeit hat, sich auf die Klasse zu konzentrieren.
Noch besser als kleine Klassen wären aus meiner Sicht Klassen mit zwei Lehrkräften. Denn ein störendes Kind kann den Unterricht komplett lahmlegen. Man muss sich um dieses Kind kümmern. Bei zwei Lehrkräften kann die erste Lehrkraft den Unterricht aufrechterhalten und die zweite sich um die auffälligen Kinder kümmern. Dabei sind zwei Lehrkräfte besser als eine Lehrkraft und eine Schulbegleiterin o.ä., denn es geht darum, dass auch die auffälligen Kinder schulisch gefördert und nicht nur im Unterricht begleitend gefördert werden.
Im Alltag ist es manchmal schwierig, Verhaltensweisen, die auf die ADHS hinweisen, von problematischem Sozialverhalten abzugrenzen. Es gibt eine zunehmende Zahl von Kindern, deren Eltern ihnen keine Grenzen setzen und kein angemessenes Sozialverhalten beibringen. Sie unterstützen oder verteidigen ihre Kinder lange in ihrem Problemverhalten, manchmal auch, weil es zu Hause nicht so viele Probleme gibt, wenn die Kinder dort weniger mit Anforderungen konfrontiert sind und tun können, was sie wollen.
Die Eltern können es dann oft gar nicht glauben, dass sich ihr Kind so verhält, wie es die Lehrerinnen und Lehrer beschreiben. Da brauchen wir aus meiner Sicht wieder eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Familie und Schule.
Aber auch eine deutlichere Betonung dessen, dass es letztendlich die Lehrkräfte sind, die bestimmen, wie der Unterricht gestaltet wird. Ich glaube, dass die meisten Lehrerinnen und Lehrer heute sehr kompetent und besser ausgebildet sind als früher. Man sollte sie deshalb wieder mehr als die Fachpersonen respektieren, die sie sind. Und wenn eine Lehrperson sagt, dieses Verhalten ist nicht tolerierbar, dann sollte man das bis zu einem gewissen Grad auch akzeptieren und darüber reden, was verändert werden kann. Spricht man ihnen die Autorität ab, schafft man einen zusätzlichen Faktor, der ihre Handlungsmöglichkeiten einschränkt, mit dem Problem angemessen umzugehen.