Die Geschichte der Waldorfpädagogik
Gegründet wurde die Waldorfpädagogik auf der anthroposophischen Weltsicht von Rudolf Steiner (1861 – 1925). Die spirituelle Verbindung zwischen Geist, Körper, Herz und der uns umgebenden Umwelt begleitet den Theosophen, Goetheforscher, Publizisten und nicht unumstrittenen Verfasser diverser philosophischer und anthroposophischer Schriften Zeit seines Lebens.
Auf den Grundlagen der von Steiner entwickelten Anthroposophie wird 1919 in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet – durch die Initiative des Zigaretten-Unternehmers Emil Molt, der eine Schule für die Kinder seiner Fabrikarbeiter benötigte. Im Jahr 1920 kam eine erste Waldorfkindergartengruppe in den Stuttgarter Räumlichkeiten hinzu. 1926 folgte dann der erste Waldorfkindergarten in Stuttgart.
Basis der pädagogischen Institutionen in der Waldorfpädagogik ist die soziale Dreigliederung. Gemeint ist hier eine Aussage, die Steiner zugeordnet wird, in der er die Freiheit im Geistesleben, die Gleichheit im Rechtsleben und die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben voraussetzt, damit der soziale Gesamtorganismus als Einheit existieren kann.
Basis der täglichen Arbeit in Waldorfschulen und -kindergärten ist die Dreigliederung jedes Menschen in Körper, Geist und Seele. Reinkarnationsüberzeugungen fokussieren die Spaltung von Seele (also einer Art Astralleib) und dem Geist (also der Ratio).
In Waldorfkindergärten finden die eben beschriebenen Ansätze ihre Heimat in einer pädagogischen Ausrichtung, die Kopf, Herz und Hand sowie Nachahmung, Rhythmus und Wiederholung in den Mittelpunkt stellt.
Die Waldorfpädagogik ist weltweit verbreitet – die meisten Waldorfschulen und -kindergärten gibt es in Deutschland.
Vorurteile gegenüber der Waldorfpädagogik
Mehr als andere pädagogische Strömungen ist die Waldorfpädagogik einigen Vorurteilen ausgesetzt, die den Kindergärten, den dort arbeitenden Erzieherinnen und Erziehern und den Familien, die ihre Kinder dort betreuen lassen, entgegengebracht werden:
Den ganzen Tag nur den eigenen Namen tanzen.
Der berühmt-berüchtigte Satz „Waldorf? Dann kannst du bestimmt auch deinen Namen tanzen!“ schallt wohl jedem entgegen, der seine Verbindung zur Waldorfpädagogik im Gespräch fallenlässt. Die pädagogische Praxis in Waldorfkindergärten und- schulen wird durch dieses Vorurteil allerdings auf einen kleinen Teil der täglichen Arbeit miteinander reduziert. Eurythmie – oder auch bewegte Sprache – ist in der Tat Teil des Wochenplans in einem Waldorfkindergarten. Speziell ausgebildete Tanzpädagogen/Eurythmisten kommen in einmal pro Woche in den Waldorfkindergarten und tanzen gemeinsam mit den Kindern. Hinter jeder Tanzbewegung versteckt sich eine Bedeutung/ein Wort/eine Tonart/ein Ton/eine Pause, die durch genau diese Bewegung in genau diesem Moment verbildlicht werden.
Eltern müssen den Kindergarten putzen.
Die Elternarbeit bzw. die Elternmitarbeit in einem Waldorfkindergarten unterscheidet sich geringfügig zu anderen Kindergärten. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und die Kontakte zwischen Eltern und Kindern möglichst optimal zu verzahnen, ist es in vielen Kindergärten die Regel, dass die Eltern durch die Mitwirkung im Elternbeirat, in der Vorbereitung diverser Festlichkeiten oder bei handwerklichen Tätigkeiten in der Einrichtung oder dem Garten der Kindertagesstätte mithelfen. Die so entstandene Gemeinschaft stärkt die sozialen Kompetenzen jedes Einzelnen. In den Waldorfkindergärten dienen die regelmäßigen Elternabende (ca. alle 6 bis 8 Wochen) einem Überblick über das aktuelle Geschehen und die Aktivitäten bei den Kindern. Auch das Putzen der Einrichtung durch abwechselnde Eltern kann zur Elternarbeit gehören. Fester Bestandteil ist in jedem Fall der jährliche Großputz, bei dem alle Eltern mithelfen.
Den ganzen Tag nur Freispiel ohne Regeln.
Antiautoritäre Erziehung wird viel zu oft mit einer Erziehung ohne jegliche Regeln gleichgesetzt. Dabei ist auch in der Waldorfpädagogik das höchste Gut das Miteinander – dies geprägt durch den christlichen Gedanken „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ein Punkt, in dem sich auch Kritiker der Waldorfpädagogik wiederfinden, ist die Überzeugung, dass soziales Miteinander nur mit Regeln und Rücksicht funktioniert. Genau diese Werte vermitteln auch die Erzieherinnen und Erzieher in Waldorfkindergärten. Das Freispiel ist kein Geplänkel – da die Freispielzeit sich vor allem auf die Nachahmung und das Wiederholen konzentriert. In der morgendlichen Freispielphase werden also hauswirtschaftliche oder handwerkliche Tätigkeiten durch die Erzieherinnen und Erzieher durchgeführt, welche die Kinder zur Nachahmung inspirieren sollen. Puppen- und Fingerspiele gehören ebenso zum täglichen Ablauf wie die Zeit im Garten – und das bei jedem Wetter.
Nur Müsli zu Essen und mit Holzspielzeug spielen ist doch weltfremd.
Das allgemeine Bio-Öko-Müsli-Vorurteil betrifft sicher nicht nur die Waldorfkindergärten, bündelt sich aber sicher bei allen, die mit der Waldorfpädagogik in Verbindung stehen. In den meisten Kindergärten, die auf Rudolf Steiners Lehren aufgebaut sind, herrscht eine ovo-lakto-vegetabile Kost vor. Pflanzliche Produkte werden also ebenso verzehrt wie Milchprodukte und Eier. Rudolf Steiner war der festen Überzeugung, dass Kinder in den ersten sieben Lebensjahren vor allem mit dem Wachsen und Reifen der körperlichen Funktionen beschäftigt sind und dass ebendiese eine optimale Nährstoffzufuhr benötigt. Eine gleichbleibend ballaststoffreich und eiweißhaltige Kost wird daher bevorzugt verzehrt. Gibt es auch Müsli? Ja sicher, da Müsli viele Nährstoffe enthält und gut sättigt. Gibt es NUR Müsli? Nein, sicher nicht, da dies nicht der ausgewogenen Ernährung entsprechen würde, die der heranwachsende Körper benötigt.
Auch das Thema Spielzeug ist ein umstrittenes. Plastikspielzeug und vor allem vorgefertigtes Spielzeug ohne Deutungsraum für seine Verwendung wird in Waldorfkindergärten nicht angeboten. Die Vorstellungskraft der Kinder soll durch möglichst viele Blanko-Spielzeuge gefördert werden. Ähnlich wie im Ansatz des spielzeugfreien Kindergartens, ist es auch hier an den Kindern, eigene Spiele, Spielarten, Bedeutungen und Funktionen auf Alltagsgegenstände oder Naturmaterial zu legen. Bausteine Puppen, Naturmaterialien, Rollenspielmaterial, Tücher unterstützen die Selbstbildung der Kinder – und das nicht nur in der Waldorfpädagogik.