Welche Vorteile bringt die Lerntherapie in der Schule?
Neben verschiedenen Vorteilen für die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern (präventive Förderung, zeitnaher Beginn der Förderung, niederschwelliges Angebot), profitieren auch Lehrkräfte von einer Kooperation mit Lerntherapeuten und Lerntherapeutinnen an Schulen.
Ich möchte hier einige Vorteile aufzeigen.
- Zeitliche und fachliche Entlastung – mehr Zeit für den Unterricht, da sich der Lerntherapeut/die Lerntherapeutin in der Schule die Zeit für die Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten nehmen kann und auch konkrete Tipps für die Unterstützung im Klassenverband geben kann
- Gemeinsame Förderplangestaltung
- Ansprechpartnerin/Ansprechpartner für Lernstörungen ist vor Ort – Austausch auf kurzem Weg ohne lange Wartezeiten
- Interne Weiterbildung des Lehr-Kollegiums (interne Fortbildungen oder Seminare, aber auch immer wieder kurze „Tür-und-Angel-Gespräche“)
- Wenn der Lerntherapeut/die Lerntherapeutin direkt an der Schule arbeitet, kennt er/sie die internen Abläufe, die Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler und kann so individuell und passgenau beraten – das erspart den Lehrerinnen und Lehrern viel Zeit
- Elterngespräche können gemeinsam von Lehrkräften und Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten geführt werden (emotionale und fachliche Entlastung)
- Es entsteht ein größeres Bewusstsein und Verständnis für die Belange von Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten
Weitere Vorteile und Erfahrungen von meiner Arbeit an der Grundschule sind hier zu finden.
Lerntherapie in Schulen finanzieren: Mehr Rückenwind für Basiskompetenzen
Die Finanzierung von Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten an Schulen ist meist nur kurzfristig gesichert. Manchmal sind Finanzierungen über Stiftungen, die Gemeinde, Vereine oder das Jugendamt möglich.
Grundsätzlich fehlen jedoch langfristige Rahmenbedingungen, um Lerntherapeuten dauerhaft mit festen Stellen an Schulen zu beschäftigen – dabei würden sie sowohl Schülerinnen und Schüler fördern als auch Lehrkräfte entlasten.
Trotzdem schaffen neue Förderprogramme bessere Chancen, gezielt und nachhaltig Basiskompetenzen zu stärken:
- “Lernen mit Rückenwind” (für Baden-Württemberg): Lerntherapie direkt im Schulalltag – kostenfrei für Eltern und flexibel für Schulen.
- “Startchancenprogramm”: Bundesweite Mittel für einige Schulen in Deutschland: gezielte Stärkung der Basiskompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen.und eine emotionale Stärkung der Schülerinnen und Schüler, aber auch Beratung und Entlastung der Lehrkräfte im Schulalltag
Was braucht es, um Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern und Lerntherapie als fester Bestandteil an Schulen zu etablieren?
Es müssen Rahmenbedingungen und Strukturen geschaffen werden, um den Lernort Schule zu stärken. Wenn sich Eltern eine externe außerschulische Förderung für ihre Kinder nicht leisten können, dürfen sie nicht alleingelassen werden. Es ist Aufgabe der Schule, individuell zu fördern und passende Angebote am Lernort Schule zu etablieren. Aufgrund Lehrermangels werden Eltern, deren Kinder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rechenstörung haben, jedoch immer mehr auf außerschulische (kostenpflichtige) Angebote verwiesen.
Außerdem sollte sich noch mehr das Bewusstsein entwickeln, dass aufgrund wachsender Heterogenität der Schülerinnen und Schüler Lehrkräfte nicht alles an Wissen mitbringen können, was im Einzelfall für den Schüler/die Schülerin nötig wäre, und damit Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten als fester Bestandteil eines multiprofessionellen Teams an Schulen dringend benötigt werden.
Multiprofessionelle Teams und damit ergänzendes Fachwissen von Lerntherapeutinnen/Lerntherapeuten, Heilpädagoginnen/ Heilpädagogen, Psychologinnen/Psychologen sind eine große Bereicherung, das zeigen verschiedene erfolgreiche Projekte.
Was wir brauchen, um Lerntherapie an Schulen zu etablieren und Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern:
- Schulleitungen, mit einer Offenheit für Neues und einem Verständnis, welche fachliche Bereicherung Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten und andere Fachexpertinnen und -experten an Schulen mit sich bringen
- MUT: Wir brauchen alle mehr Mut, um uns von gewachsenen Strukturen zu verabschieden und neue Wege zu gehen
- Fortbildungen für Lehrkräfte, um Hintergrundwissen zu Legasthenie und Dyskalkulie zu erlangen
- Personelle und finanzielle Ressourcen, damit Inklusion und individuelle Förderung gelingen kann
Eine lerntherapeutische Expertise erreicht alle Schülerinnen und Schüler. Das Expertenwissen, welches Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten mitbringen, hilft nicht nur Kindern mit einer LRS oder Rechenschwäche, sondern allen Schülerinnen und Schülern am Lernort Schule. Wir müssen endlich neue Wege gehen, für mehr Bildungsgerechtigkeit, eine Entlastung des Kollegiums und eine fachlich hochqualifizierte individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern.
Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
Weitere Infos zu Lerntherapien in der Schule und Fortbildungen zu LRS und Rechenschwäche finden Sie auf der Website von Susanne Seyfried.
Literaturhinweise
- Bender, F., Brandelik, K., Jeske, K., Lipka, M., Löffler, C., Mannhaupt, G. et al. (2017): Die integrative Lerntherapie. Lernen und Lernstörungen, 6
- b&w (Mitgliederzeitschrift der GEW - Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg) S. 17-24, Juli/August 2022, „Lerntherapie in der Schule - ein Angebot für alle?“
- Hilkenmeier, J., Ricken, G., Nolte, M. & Ehlers, A. (2020): Lerntherapie in Schule. Eine Bestandsaufnahme zu Kooperationsprozessen. Lernen und Lernstörungen, 9 (4)
- „Integrative Lerntherapie“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. (Abgerufen: 12. September 2022)