Fakt 2 „Wir haben den Zahlensinn in unseren Genen“
Dieses Wichtige vorab: die Forschung über „was, wie und warum?“ im Bereich Mathelernen – inkl. Zahlensinn (number sense), Rechenschwäche und Rechenstörung/Dyskalkulie – steckt noch in den Kinderschuhen.
Wissenschaftler beteiligter Fachrichtungen (Pädagogik, Psychologie, Kognition) weisen darauf hin, dass Studien oft nicht vergleichbar sind hinsichtlich ihrer Interpretation von Begriffen sowie ihrer Abgrenzung von Eigenschaften, Kennwerte und Teilnehmerschaft. So können wir nur mit Bedacht vorsichtige Schlüsse aus den Ergebnissen ziehen.
Ein Lichtblick: die S3-Richtlinie „Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung“ (4) hat moderne Diagnose- und Förderprogramme hinsichtlich ihrer nachgewiesenen Wirksamkeit bewertet, sodass die Spreu vom Weizen unterschieden werden kann. Klar bleibt: jedes Programm ist immer so gut, wie die es einsetzende Fachkraft. Die Dyskalkulie-Testbatterien bemessen den Leistungsstand eines Kindes und sagen nichts über Ursachen aus. Es liegt in den Händen der Fachleute, einen ganzheitlichen Blick auf das Kind und dessen Schwierigkeiten zu haben und so z. B. sensorische Einschränkungen oder eine mangelhafte Beschulung mitzuberücksichtigen. Es ist wichtig, die Themen und Methoden gut zu verstehen, um sie mit fürsorglicher Vorsicht in die Arbeit mit Kindern einfließen zu lassen.
Nun zum Thema „Zahlensinn“. In der Forschung zeigen sich offenbar drei Perspektiven auf das Konzept (5):
- Der angeborene, natürliche Zahlensinn (“approximate number sense“)
- Der schulische Zahlensinn (“early number sense“)
- Der Teenager-Zahlensinn (“mature number sense“)
Auf den Punkt gebracht, zeigt sich „der angeborene Zahlensinn“ bereits ab dem Babyalter in der Fähigkeit, Mengen/Anzahlen, ihre Unterschiede und Veränderungen wahrnehmen und abschätzen zu können. Die Forschung von Stanislas Dehaene (6) hat hierzu wichtige Erkenntnisse geschaffen. Schließlich hat sich gezeigt, dass dieser angeborene, ungefähre Zahlensinn Hand in Hand geht mit den visuell-räumlichen Fähigkeiten und dem Arbeitsgedächtnis und dass frühkindliche Erfahrungen ihn maßgeblich prägen. Es lohnt sich also, schon sehr früh alltägliche, kindgerechte Erfahrungen zu bieten mit Mengen, Vergleichen, Schätzen, Zahlen und Zählen.
Bereits vor der Schule beginnt für jedes Kind die Eroberung der kulturellen Mathematik. Fachmännische Lernbegleitung hat einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des nun anknüpfenden, frühen Zahlensinns. Einsichten und Fähigkeiten, die sich nun entwickeln, gehen weit über den natürlichen Zahlensinn hinaus, bauen allerdings auf ihm auf. Dazu zählen u. a. flexibles Zählen und Messen, Kardinal- und Ordinalverständnis und Operationsverständnis. Die Forschung in diesem Bereich konzentriert sich vor allem auf Indikatoren zur Früherkennung des Entwicklungsstandes (Screenings, Diagnostik) sowie auf Fördermöglichkeiten. Die frühe mathematische Lehre sollte den angeborenen Zahlensinn unbedingt ansprechen und einbeziehen, denn er ist markant verknüpft mit dem flexiblen Sehen von und Umgang mit Zahlen und Beziehungen.
Nun diskutieren Forscherinnen und Forscher auch den reifen Zahlensinn der nächsten Etappe der Entwicklung mathematischer Fähigkeiten. Hierbei geht es um ausgereifteres mathematisches Denkvermögen inkl. Lösungsstrategien, Hinterfragen/Begründen/ Beweisen, Anwendung und Transfer von Konzepten und Techniken. Hierbei ist interessant, dass diese Fähigkeiten nicht in direkter, expliziter Form gelehrt, sondern vielmehr eingeübt werden müssen mittels mathematischer Herausforderungen, Übungen und Gespräche. Ein „blindes Erlernen“ von Rechenfakten und -techniken schult diese Kompetenzen nicht.
In Anbetracht dieser drei Blickwinkel auf den Zahlensinn sollten wir ihn als Ausgangspunkt mathematischen Erfahrens und Lernens sowie als Entwicklungsinhalt und -ziel des Matheunterrichts erkennen. So können wir das natürliche Vermögen zu Beginn nutzen, um den Umgang mit Mengen auszuleben, im Detail zu erfahren und sprachlich zu klären bzw. zu verankern. Hieran knüpft natürlicherweise die weitere Schulung des frühen Zahlensinns an, während über anregende Lernumgebungen und Lerndialoge das mathematische Denken stetig entwickelt und gestärkt werden kann.
Fakt 3 „Mathe-Mythen verursachen Lernstörungen“
Es gibt eine Reihe von Mathe-Mythen, die erfolgreiches Mathelernen behindern und sogar stören können. Die Lernforschung hat gezeigt, dass all diese Mythen markante Effekte auf das Lernen bzw. auf Denk- und Lernprozesse unseres Gehirns haben. Sie wirken wie Missverständnisse oder Selbstzweifel desorientierend, demotivierend oder Stress auslösend und stören auf diese Weise neuronale Netzwerke, die für logisches Denken, Wissensabruf, Kreativität, exekutive Funktionen etc. aktiviert werden sollten. Der erste wichtige Schritt ist es, diese Mathe-Mythen zu entlarven. Forscher (7) gruppieren unterschiedlichste Mathe-Vorstellungen bzw. Glaubenssätze:
- das Mathe-Selbstbild („offenes Selbstbild“ statt Mythos „Zahlenmensch“)
- der fachliche Matheunterricht („richtig oder falsch“, „immer schnell und richtig“)
- die Mathematik als Disziplin
Im Rahmen dieses Beitrags möchte ich auf die beiden Aspekte eingehen. Interessanterweise fällt bei dem dritten Aspekt in Studien auf, dass viele Schülerinnen und Schüler die Mathematik als Disziplin nur schwer erläutern können. Warum eigentlich?
Zum Mathe-Selbstbild ...
„... Jeder von uns hat eine Einstellung zu sich selbst und dem eigenen Lernen, hat also ein Selbstbild von sich selbst als Lernender. Es bildet sich im Lauf unserer Lebensjahre und ist uns oft nicht bewusst. Carol Dweck hat herausgefunden, dass jeder entweder eher ein „festes Selbstbild“ oder eher ein „offenes Selbstbild“ hat. ...“ (aus Tinas AHA!)
Der alte Talentglaube für Mathe bzw., so etwas wie „Zahlenmensch“ zu sein, spielt hier unheilvoll hinein.
Allerdings wurde es mehrfach widerlegt: es ist falsch, es gibt kein Mathetalent, das bestimmt was und wie weit wir lernen können. Lernfortschritte in Mathe hängen nachgewiesenermaßen von hilfreichen Erfahrungen, wirksamer Lehre und ausdauerndem Lernengagement ab. Interessant ist allerdings, wie persistent der Mythos Mathetalent ist. Alarmierend ist, wie sehr er das Mathelernen stören kann (8). Schülerinnen und Schüler, die den Talentglauben verinnerlicht haben, zeigen in Studien deutliche Leistungsschwächen (5). Hier müssen wir den Nährboden bereiten und bei allen Schülerinnen und Schülern ein „offenes Selbstbild“ (growth mindset nach Carol Dweck) im Sinne ihrer „Lernklarheit“ fördern:
- Man weiß, dass das Gehirn wächst und man Mathe lernen kann mit Einsatz, Ausdauer und Hilfe.
- Man arbeitet aktiv an den Inhalten, hat ein klares Ziel vor Augen, ist hartnäckig und engagiert.
- Man wagt Neues, gibt nicht auf und arbeitet auch bei Schwierigkeiten weiter.
- Man sieht Misserfolge, Fehler, knifflige Aufgaben als Chancen, weiterzulernen und zu wachsen.
Es geht hierbei regelrecht um Hirnaufklärung und stärkende Lernerfahrungen: wie lernt unser Gehirn bzw. blockiert der falsche Talent-Mythos gutes Lernen. Forscher (9) haben herausgefunden, dass Schülerinnen und Schüler ein offenes Selbstbild entwickeln können und sodann auch messbare Lernzuwächse zeigen.
Der Ansatzpunkt ist also: Wie klären wir in der Schule über Gehirn und Lernen auf? Wie können wir im Unterricht diese Einsichten vorleben, fördern, stärken? Natürlich reicht es nicht aus, den Schülerinnen und Schülern nur mitzuteilen, dass Mathe-Mythen Schuld seien an möglichen Lern- bzw. Leistungsschwächen. Sie müssen dies in wirksamen Lernumgebungen selbst erleben dürfen.
Nun wird es interessant, denn in hilfreichen, wirksamen Lernumgebungen lassen sich gleich mehrere Mythen mit einer Klappe erwischen:
- Lernerfahrungen wie die stete Suche nach und Wertschätzung von diversen Lösungsideen,
- das Anstreben gekonnter mathematischer Erklärungen/Begründungen sowie
- die Anerkennung von kollaborativer mathematischer Modellierung und Problemlösung lässt definitiv überholte Praktiken und damit verbundene Vorstellungen verblassen, wie z. B. die genannten Mathe-Mythen „es geht nur um Regeln und um richtig-oder-falsch“ sowie „man ist gut, wenn man alles schnell und richtig macht“.
An dieser Stelle stelle ich gern ein wunderbares Beispiel für die Problematik persistierender Mathe-Mythen mit Einfluss auf das Mathe-Selbstbild vor: Laurent Schwartz (*1915). Er beschreibt sein Unbehagen während seiner Mathe-Schulzeit:
“Ich war immer sehr unsicher und dachte, ich sei nur wenig intelligent. Ich bin eher langsam, weil ich alles immer genau verstehen möchte. Gegen Ende der elften Klasse, dachte ich von mir selbst, ich sei einfach dumm. Aber ich erkannte, dass Schnelligkeit nichts mit Intelligenz zu tun hat. Wichtig ist, Dinge tief zu verstehen und ihre Beziehungen zu erkennen. Das ist wo Intelligenz ins Spiel kommt. Schnell oder langsam zu sein ist nicht relevant.” (10)
Auch er blieb zum Glück lerneifrig, wurde Mathematiker und erhielt die Fields Medaille!
Dieser Blick auf Mathelernen hat es in sich und ist es wert: viel mehr Schülerinnen und Schüler als heute üblich, könnten Mathe gut lernen und das mit Erfolg und Spaß. In diversen Klassen ist es sicherlich der Fall, wo die „kleinen Mathematikerinnen und Methmatiker“ entsprechend hilfreich und wirksam abgeholt und begleitet werden, wo ihr mathematisches Denken gedeihen kann. Hier und überall brauchen wir diesen frischen Wind in den Segeln.
Volle Kraft voraus & Happy Lernen!
Marion Mohnhaupt: Tinas AHA! Mathe lernen geht! Lass dein Gehirn mal machen!, Visual Books 2021.
Quellen
(1) Hüther, Gerald: Gehirnforschung für Kinder – Felix und Feline entdecken das Gehirn. Kösel-Verlag, 2009
(2) https://visible-learning.org/wp-content/uploads/2013/02/Glossar-fuer-Begriffe-aus-der-Hattie-Studie-Visible-Learning-Lernen-sichtbar-machen.pdf, 09.08.21
(3) John Hatti, Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Schneider Verlag, Hohengehren 2014
(4) https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/028-046l_S3_Rechenstörung-2018-03_1.pdf, 10.8.21
(5) Whitacre, I. et al: Disentangling the Research Literature on Number Sense: Three Constructs, One Name. 2020 AERA. http://rer.aera.net
(6) Dehaene, S.: http://www.gbv.de/dms/hebis-darmstadt/toc/62660128.pdf, 12.8.21
(7) Jankvist, U., Niss, M.: Counteracting destructive student misconceptions of mathematics. Education sciences, 2018.
(8) Chestnut E. et al: The Myth That Only Brilliant People Are Good at Math and Its Implications for Diversity. Education Sciences. 2018. https://doi.org/10.3390/educsci8020065
(9) Boaler, Jo: Mathematical Mindsets: Unleashing student’s potential through creative math. Jossey-Bass, 2015. Dweck, Carol: Selbstbild : Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt. Piper, 2017.
(10) Schwartz, L. (2001). A Mathematician Grappling with His Century, Birkhäuser sowie in: Tinas AHA!