Kind verarbeitet seine Wut durch Sport mit Pratzen von betzold.de
Alltag
Sinneswahrnehmung
Veröffentlichung: 10.02.2021

Aggressive Kinder in Kindergarten und Kita

Konfliktsituationen begleiten, meistern und deeskalieren. Praxisbezogene Impulse und Strategien für Erzieherinnen und Erzieher. Das erfahren Sie in diesem Beitrag - inklusive Downloads und Hilfestellungen für Fachkräfte und Erziehungsberechtigte.
Janine Landwermann
Janine Landwermann
Online-Redakteurin

Häufig gestellte Fragen

Warum schlagen Kleinkinder andere Kinder?

Eng mit möglichen Konflikten unter Kleinkindern hängt die sprachliche Entwicklung zusammen. Kinder werden sich der eigenen Wünsche und Bedürfnisse bewusst, können diese aber noch nicht klar ausdrücken. Die dadurch entstehenden Momente der Frustration können Wut hervorrufen, die auch durch physische Aggressionen ausgedrückt wird. Das Erlernen der erforderlichen Impulskontrolle startet im Kleinkindalter.

Warum wird ein Kind aggressiv?

Aggressives Verhalten kann durch Alltagssituationen wie das Aufzeigen von Grenzen hervorgerufen werden. Auch das Etablieren der eigenen Position in der Gruppe kann zu herausfordernden Situationen führen. Für die Kinder führen Ungerechtigkeiten oder unbefriedigte Bedürfnisse zu einem teilweise explosionsartigen Ausdruck der entstandenen negativen Gefühle.

Wie reagiert man, wenn Kinder hauen?

Allgemein gilt es, deeskalierend und nicht strafend zu reagieren. Wichtig ist ein Gespräch auf Augenhöhe, in dem das Warum des Konflikts, unterwünschte Verhaltensweisen (hauen, treten etc) und die damit ausgelösten Gefühle beim Anderen sowie die bekannten Gruppenregeln des Miteinanders thematisiert werden. Gefühle werden anerkannt und nicht bewertet.

Kann der Kindergarten aggressives Verhalten bei Kindern verhindern?

Neben der gezielten pädagogischen Arbeit am Kind gibt es weitere präventive Maßnahmen, die in Kindertagesstätten umgesetzt werden können: eine dem Betreuungsschlüssel angemessene Gruppengröße, genügend Raum für die Kinder, altersgerechte fordernde und fördernde Aktivitäten, Rückzugsmöglichkeiten sind einige der Faktoren, die sich auf das emotionale Gefüge der Gruppe auswirken können.

Sind alle Kleinkinder aggressiv?

Aggressives Verhalten im Kleinkindalter ist zunächst einmal nicht ungewöhnlich. Bereits Säuglinge können Momente der Frustration erfahren, die sich durch aufgebrachtes Weinen oder Schreien entladen. Während dieser Entwicklungsstufe ist aber noch nicht von aggressivem Verhalten zu sprechen. Werden Kinder mobiler und interessierter an ihrer Umwelt und wird der eigene Platz in dieser Welt zum Thema, kann es zu physischen Übergriffen kommen.

Wichtig ist hier zu betonen, dass im Kleinkindalter aggressives Verhalten nicht aus einer Position der Boshaftigkeit heraus geschieht. Vielmehr geht es für die Kleinkinder darum, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen, diese durchzusetzen und die Steuerung der eigenen Impulse zu lernen. Während also gemeinsam Alternativen für das aggressive Verhalten der betroffenen Kinder ermittelt werden können, sollte die Auseinandersetzung mit den Emotionen im Vordergrund stehen, die zu den Übergriffen geführt haben. Das Empfinden von Frustration, Ärger und Wut gehört zur emotionalen Basis eines jeden Menschen. Der Umgang mit diesen Gefühlen ist für Kleinkinder die Herausforderung. Erwachsene, also Sorgeberechtigte und pädagogische Fachkräfte, sind hier Vorbild und Impulsgeber für Hilfestellungen. Werden die Kinder einfühlsam durch schwierige emotionale Momente begleitet, entwickeln sie eigene Mechanismen, aggressionsfrei auch negative Gefühle zu durchleben. Konflikte sollten also nicht generell unterbunden werden, da Kinder auch diese Erfahrungen für die Entwicklung ihrer sozialen Fähigkeiten benötigen und gestärkt aus ihnen hervorgehen können. Dies bedarf zum einen klarer Spielregeln und zum anderen auch erwachsenen Vorbildern, die bei Eskalationen Hilfestellungen bieten. 

Mögliche Ursachen für aggressives Verhalten

Kindergarten und Kita bieten vielfältige Konfliktpotenziale für Kinder. Oft sind die Kinder zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum mit mehreren Gleichaltrigen in einem Raum. Auch die Regeln in der Kindertageseinrichtung unterscheiden sich von denen, mit denen die Kinder in ihrem Zuhause konfrontiert werden. Trotz allem zeigen nicht alle Kleinkinder aggressive Verhaltensweisen wie physische oder verbale Übergriffe. Dies hängt - wie bei Erwachsenen auch - mit dem Temperament der einzelnen Kinder zusammen. Auch der Umgang der Familienmitglieder untereinander kann durch die Vorbildfunktion zu konfrontationsgeladenen Verhalten bei Kindern führen. 

Spezifische Gründe für Aggressionen bei Kleinkindern lassen sich nach Gabriele Haug-Schnabel wie folgt auflisten:

    • Verteidigung (einer Person oder eines Spielzeugs)
    • Angst (Ausweg aus einer bedrohlichen Situation)
    • Soziale Exploration (Versuch der Einschüchterung eines Anderen)
    • Frustration (unerfüllte Bedürfnisse)
    • Nachgeahmte Aggression
    • Gruppenverteidigung (gegen eine andere Gruppe oder gegen Außenseiter)
    • Spielerische Aggression

Entwicklungsphase oder Verhaltensauffälligkeit?

Eine Frage, die Eltern und Fachkräfte in Kindergarten und Kita umtreibt, lautet in einigen Fällen - gerade wenn sich das aggressive Verhalten des Kindes über einen längeren Zeitraum hinzieht:

Handelt es sich um eine reguläre Entwicklungsphase oder steckt eine Verhaltensauffälligkeit hinter den aggressiven Übergriffen? 

Die Erzieherin beziehungsweise der Erzieher in Kindergarten und Kita kann an dieser Stelle wichtige Erkenntnisse sammeln, die eine Aufklärung der Situation herbeiführen können. 

Durch gezielte Beobachtung - die nicht nur auf schwierigen Situationen beruht - können pädagogische Fachkräfte Einschätzungen zum Entwicklungsstand der Kinder und zu den Ursachen des unerwünschten Verhaltens geben. Wichtig ist hier, dass diese Beobachtungen und Aufzeichnungen durch 2 Fachkräfte durchgeführt werden, um ein möglichst neutrales Bild zu erhalten. Durch die Verwendung von Beobachtungsbögen und der damit einhergehenden Skalierung der Entwicklungsbereiche des Kindes lassen sich verlässliche Aussagen über mögliche Förderbereiche treffen. Zusätzlich zur gezielten Beobachtung sind Elterngespräche wichtig, um das Kind und seine emotionale Ausgangslage besser zu verstehen. 

Elterngespräche, die sich mit schwierigen Themen wie auffälligem Verhalten beschäftigen, sind für alle Beteiligten nicht leicht. Für Erzieherinnen und Erzieher gilt auch hier, das Gespräch auf Augenhöhe zu führen und problematische Situationen neutral und nicht wertend zu schildern. Der Fokus der Elterngespräche sollte auf dem Potenzial der Kinder und den entsprechenden Hilfestellungen liegen, die gemeinsam erarbeitet werden können. 

Emotionen Puzzle aus Pappe gebastelt

Praxistipps zu Aggressionsabbau & Deeskalation

Kleinere Konflikte untereinander können auch Kleinkinder selbst austragen. Das konstante Einschreiten von Erwachsenen kann sich sogar negativ auf die Konfliktfähigkeit der Kinder auswirken, da ihnen so die Chance genommen wird, eigene Wege aus dem Konflikt zu finden. Im Falle einer Eskalation ist es allerdings notwendig, dass Erzieherinnen und Erzieher emotionale Hilfestellungen anbieten. Ein solcher Fall tritt ein, wenn ein Kind zu einer Gefahr für sich und andere wird. Wird in solchen Situationen nicht eingeschritten, verletzen die pädagogischen Fachkräfte die auf sie übertragene Aufsichtspflicht.

    • Loben: Auch einige Erzieherinnen und Erzieher ertappen sich dabei, lediglich die Förderbedarfe der Kinder zu erfassen und unerwünschtes Verhalten zu kommentieren. Dies bleibt im hektischen Alltag nicht aus. Loben und das Hervorheben positiv umgesetzter Anregungen ist allerdings wichtiger als stetes Korrigieren und unterstützt das Selbstbewusstsein sowie die emotionale Entwicklung der Kinder.
    • Gewaltprävention durch klare Gruppenregeln: Bunt gestaltete Poster und Aushänge zeigen in bildhafter Sprache, dass schlagen, kratzen, beißen und treten im Umgang miteinander nicht dazugehören.
    • Gefühle erkennen, einordnen und zulassen: Spiele und Gespräche vermitteln kindgerecht und spielerisch das Kennenlernen der eigenen Emotionen. Positive sowie negativ behaftete Gefühle werden so normalisiert und verlieren im gemeinsamen Gespräch ihren Schrecken.
    • Gruppengefühl stärken: Ein gut aufgebautes Gefühl der Zusammengehörigkeit verhindert nicht alle Konflikte - Streiten gehört nun einmal zum Miteinander. Allerdings wirkt sich eine stabile Gruppenkonstellation mit etablierten Hierarchien positiv auf die Intensität der alltäglichen Auseinandersetzungen aus.
    • Platz für freies Spiel: Beengte Gruppenräume und zu wenig Bewegung an der frischen Luft können für aufgeladene Stimmung unter den Kindern (und Erwachsenen) sorgen. Daher ist das Toben und Bewegen im Garten oder auf dem Spielplatz eine willkommene Abwechslung, die dafür sorgen kann, dass sich erhitzte Gemüter schnell beruhigen.
    • Rückzugsmöglichkeiten bieten: Ein Ruhe- und Sinnesraum mit gedimmtem Licht und Sinnesmaterial erzeugt Geborgenheit und Sicherheit bei den Kindern. Emotional aufgewühlte Kinder sollten die Gelegenheit bekommen, sich auf Wunsch zurückzuziehen, um der Flut der emotionalen Eindrücke entfliehen zu können. 

Deeskalation bei aggressiven Auseinandersetzungen

    • Ruhe bewahren und die Kinder mit beschwichtigenden Worten trennen
    • Kommunikation sollte auf Augenhöhe erfolgen
    • Gefühle der Kinder spiegeln und Verständnis zeigen (dies gilt für beide Parteien des Streits)
    • Emotionen nicht werten
    • Gruppenregeln und Konsequenzen ebenfalls ansprechen - jeder darf und kann Wut empfinden, aber physische und verbale Aggression hat keinen Platz in der Gruppe und zieht Konsequenzen nach sich
    • Um sich selbst und die anderen Kinder zu schützen kann bei Kleinkindern über 2 Jahren ein begleiteter Timeout an einem ruhigen Ort durchgeführt werden. Mit einer pädagogischen Fachkraft zusammen erhält das Kind Abstand von der Konfliktsituation.
    • Gezielte Fragen helfen, Auswege aus den negativen Gefühlen zu finden ("Was kannst du machen, um deine Wut zu zeigen, ohne jemanden zu schlagen?") und Hilfestellungen zu Lösungsstrategien geben
    • Situation - sofern möglich - nicht ungelöst lassen. Versöhnungswege aufzeigen.
    • Im Nachgang können Rollenspiele dabei helfen, sich in den anderen hineinzuversetzen (Überwindung des kindlichen egozentrischen Weltbildes)
Tipp!

Weitere Impulse zum Umgang mit Streit und Hintergründe zu den Ursachen für kindliche Auseinandersetzungen gibt es auch bei "starkekids.com". Birgit Gattringer und andere praxiserfahrene Spezialist:innen schildern hier Wege aus der Streitspirale

Aktivitäten und Links zur Prävention von Gewalt unter Kindern

Kleine und große Projekte zum Thema "Gewaltprävention in Kindergarten und Kita" finden sich an vielen Stellen im Netz. Weiterführende Tipps zur Prävention von Gewalt unter Kindern finden sich (nicht nur für Schulen) im Beitrag "Gewaltprävention an Schulen: Spielerisches Kämpfen" und für Vorschüler im Beitrag "Konfliktlösung mit der Friedenstreppe". 

Neben Rollenspielen, in denen die Kinder in die Gefühlswelt der anderen schlüpfen, bieten sich kleine Übungen und Überlegungen zur Gewaltprävention an. Ein einfaches Beispiel ist die Überlegung "Was können meine Hände?". Diese Übung ist dem englischsprachigen Buch "Hands are not for hitting" von Martine Agassi nachempfunden. Gemeinsam mit den Kindern kann auf dem Download eine Vielzahl von anderen Dingen eingetragen werden, für die Hände gebraucht werden (umarmen, bauen, spielen, essen, kitzeln ...) - eben alles, außer hauen und schlagen. 

Eine deutschsprachige Literaturempfehlung ist "Das kleine Wutmonster" von Britta Schwarz. In diesem Buch wird die aufkommende Wut als kleines blaues Monster beschrieben, das mit einem einfachen Lied verscheucht werden kann. Das Lied bietet den Kindern einen Mechanismus zur Eindämmung ihrer eskalierenden Emotionen und sorgt beim Vorlesen für den erwünschten Wiedererkennungswert. 

Der Emotionen-Becher

Material: Pappbecher, Schere, Fasermaler

So geht's: Für diese Visualisierung von Gefühlen werden 3 Pappbecher benötigt. Ein Becher bleibt in einem Stück. Bei dem 2. Becher wird der obere Rand 2,5 cm unterhalb der Öffnung abgeschnitten. Der 3. Becher wird in einer Höhe von 2,5 cm vom Boden des Bechers aus abgeschnitten. Die Becher dann aufeinander stapeln, unterschiedliche Emotionen aufmalen und durch Drehen witzige Kombinationen darstellen. 

Aus Pappbechern ein Hilfsmittel basteln, um Emotionen zu erkennen.

Soziale Kompetenzen stärken

Fördermaterial für sozial-emotionale Kompetenzen stellen wir in der Betzold Beratung vor. Praxisorientiertes Material für Kindergarten, Kita und Schule - das gibt es im Beitrag "Soziale Kompetenzen bei Kindern fördern"

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Wer schreibt hier?

Janine Landwermann
Online-Redakteurin
Erinnern Sie sich noch an den Namen „Ihrer“ Erzieherin aus dem Kindergarten? Ich erinnere mich noch sehr gut an Frau Müller und die endlose Geduld, mit der sie uns Kinder damals im turbulenten Erzieher-Alltag gebändigt, motiviert, begleitet und unterstützt hat. Seit 2013 recherchiere ich bei Betzold in Ellwangen für Sie und Frau Müller Wissenswertes und Hilfreiches aus den Bereichen Pädagogik, Bildung und Organisation. 
Sie haben Feedback, Fragen oder Anmerkungen? Dann schreiben Sie mich einfach direkt an: blog@betzold.de