Was ist Rollenspiel überhaupt?
Man unterscheidet grob zwischen drei Arten von Rollenspielen:
- „Pen & Paper“-Rollenspiele, die üblicherweise in einer Gruppe von 4 bis 7 Menschen an einem Tisch stattfinden
- Live Action Roleplay (auch LARP), das in Verkleidung live mit einer beliebig kleinen oder großen Gruppe an Menschen auf einem üblicherweise abgegrenzten Areal stattfindet
- Online-Rollenspiele
Ich werde mich hier auf eine Variante des Pen & Paper beschränken, es gibt aber auch Schulen, die eine LARP-Variante für Projekttage und sogar Prüfungen verwenden.
Ganz grundsätzlich ist Rollenspiel auch genau das: Ich spiele eine Rolle. Das heißt, ich betrachte das, was passiert, durch die Brille eines fiktiven Charakters und erlebe Dinge, die ich als ich so vielleicht nie erleben (oder erleben wollen) würde. Ich kann die große Heldin oder der große Held sein, die Hauptperson in einer Geschichte oder ein Teil einer Gruppe von Hauptpersonen. Aber egal was dieser – meiner fiktiven – Person passiert, es trifft nicht mich. Nervenkitzel ohne echte Gefahr, sozusagen. So können wir erleben, was eine andere Person in einer Situation fühlt, ohne selbst betroffen zu sein.
Okay, aber wie hilft das auf dem Schulhof?
Allein sich in eine andere (wenn auch fiktive) Person hineinzuversetzen, effektiv also ein Perspektivwechsel, kann schon dazu beitragen, dass Menschen wirklich verstehen und nachvollziehen, was ein Verhalten bei anderen auslöst. Ob ich die Person bin, die jemanden anschreit, oder die Person, die angeschrien wird – das macht einen großen Unterschied. Streitgespräche lassen sich in dieser Form in sicherem Rahmen üben, sogar (und gerade) dann, wenn die Teilnehmenden aus der Sicht einer fiktiven Person agieren.
Wichtig ist allerdings, dass im Anschluss darüber gesprochen wird. Denn auch hochkochende Emotionen bei fiktiven Personen haben einen Einfluss auf die spielende Person. Es hilft dann, sich der Distanz bewusst zu werden, zu überlegen: Wie habe ich mich gefühlt? Wie hat sich der Charakter gefühlt? Was müsste passieren, damit es mir oder dem Charakter bei der nächsten solchen Aktion besser geht?
Wenn während des gespielten Streits die Emotionen hochkochen und vielleicht auch gewütet wird, anschließend aber alle lachen können, sich auf die Schultern klopfen und sich für den gelungenen Streit beglückwünschen – dann ist es richtig.
Ebenso ist ein Rollentausch möglich, wenn es zwei Personen gibt, die sich regelmäßig in der Wolle haben. Falls sie dazu bereit sind, kann jede Person die Rolle der anderen übernehmen und dann versuchen, aus dieser anderen Sicht zu argumentieren. Meistens führt das zu Aha-Effekten – es muss aber natürlich einfühlsam begleitet werden.
Und wie soll das im Unterricht funktionieren?
Ich habe oben von Gruppen in der Größe von 4 bis 7 Personen gesprochen. Das ist natürlich deutlich kleiner als eine typische Klasse. Das bedeutet, eine typische Klasse mit 25 bis 35 Schülerinnen und Schülern würde aus 4 bis 7 Rollenspielgruppen bestehen, jeweils mit einer eigenen Spielleitung. Meine optimalen Gruppengrößen sind vier Spielende pro Spielleitung.
Die Spielleitung ist dazu da, die Spielenden am eigenen Tisch durch die Geschichte zu leiten, sie übernimmt also einen Teil der Verantwortung.
Die Lehrkraft übernimmt damit dann eher eine unterstützende und beobachtende Funktion.
Und damit sind wir beim Kern: der Geschichte und den Charakteren. Als Lehrkraft muss ich kein begnadeter Schriftsteller/keine begnadete Schriftstellerin sein, aber ich kenne sicherlich meine Schülerinnen und Schüler. Wem traue ich also die Rolle als Spielleitung zu? Was kann ich über die Schülerinnen und Schüler allein dadurch lernen, welche Rolle in der Geschichte sie wählen? Durch die Lösungen, die sie finden? Welche Schülerinnen und Schüler wollen vielleicht gar nicht selbst spielen, steuern aber großartige Geschichten bei oder erweitern die Fantasiewelt?
Ich kann vor allem viel über meine Schülerinnen und Schüler lernen. Wie sie neue Situationen angehen, welche Rolle(n) sie gerne spielen und wie sie sie ausfüllen – und wie sie das jeweilige Abenteuer für sich erlebt haben. Was ihnen geholfen hat – und was nicht. Denn eine Nachbesprechung gehört immer auch dazu.
Dabei können folgende Fragen helfen:
- Wie haben die einzelnen Schülerinnen und Schüler die Szene/das Abenteuer erlebt?
- Welche Lösungen wurden gefunden?
- Wie unterscheiden sich die Ausgänge in den jeweiligen Gruppen?
- Was lief gut?
- Was war vielleicht nicht so gut? Und wie könnte man das beim nächsten Mal anders/besser machen?