Schülergruppe unterhält sich am Tisch
Gewaltprävention
Unterrichtsmethoden
Veröffentlichung: 15.06.2023

Rollenspiel im Schulalltag/Unterricht – Überblick über die Möglichkeiten

Rollenspiele als Unterrichtsmethode? Das klingt zunächst ungewöhnlich, bietet aber viele Chancen für soziales Lernen, Perspektivwechsel und aktive Beteiligung. In diesem Beitrag zeigt Lucie Körber, wie Rollenspiele im Schulalltag eingesetzt werden können, welche Formen es gibt und wie Sie die Methode praktisch mit Ihrer Klasse umsetzen.
Lucie Körber
Lucie Körber
Gastautorin

highwaystarz – stock.adobe.com

Rollenspiel – das ist doch nur für „Nerds“?

Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn jemand das Wort „Rollenspiel“ sagt? Vermutlich nicht unbedingt etwas Positives? Vielleicht Menschen ohne echte Hobbies und ohne Freunde? Oder vielleicht verbinden Sie das auch mit „Kinderspiel“? Gut, Letzteres ist nicht ganz falsch. Zumindest spielen viele Kinder gern Rollen. Da sich Rollenspiel aber ziemlich schlecht alleine spielt, möchte ich dem Vorurteil von „keine Freunde“ an dieser Stelle deutlich widersprechen.

Aber Rollenspiel als Unterrichtsmethode? Schauen wir uns einmal an, was Rollenspiel alles Tolles aus Schulkindern herauslocken kann.

Was ist Rollenspiel überhaupt?

Man unterscheidet grob zwischen drei Arten von Rollenspielen:

  1. „Pen & Paper“-Rollenspiele, die üblicherweise in einer Gruppe von 4 bis 7 Menschen an einem Tisch stattfinden
  2. Live Action Roleplay (auch LARP), das in Verkleidung live mit einer beliebig kleinen oder großen Gruppe an Menschen auf einem üblicherweise abgegrenzten Areal stattfindet
  3. Online-Rollenspiele

Ich werde mich hier auf eine Variante des Pen & Paper beschränken, es gibt aber auch Schulen, die eine LARP-Variante für Projekttage und sogar Prüfungen verwenden.

Ganz grundsätzlich ist Rollenspiel auch genau das: Ich spiele eine Rolle. Das heißt, ich betrachte das, was passiert, durch die Brille eines fiktiven Charakters und erlebe Dinge, die ich als ich so vielleicht nie erleben (oder erleben wollen) würde. Ich kann die große Heldin oder der große Held sein, die Hauptperson in einer Geschichte oder ein Teil einer Gruppe von Hauptpersonen. Aber egal was dieser – meiner fiktiven – Person passiert, es trifft nicht mich. Nervenkitzel ohne echte Gefahr, sozusagen. So können wir erleben, was eine andere Person in einer Situation fühlt, ohne selbst betroffen zu sein.

Okay, aber wie hilft das auf dem Schulhof?

Allein sich in eine andere (wenn auch fiktive) Person hineinzuversetzen, effektiv also ein Perspektivwechsel, kann schon dazu beitragen, dass Menschen wirklich verstehen und nachvollziehen, was ein Verhalten bei anderen auslöst. Ob ich die Person bin, die jemanden anschreit, oder die Person, die angeschrien wird – das macht einen großen Unterschied. Streitgespräche lassen sich in dieser Form in sicherem Rahmen üben, sogar (und gerade) dann, wenn die Teilnehmenden aus der Sicht einer fiktiven Person agieren.

Wichtig ist allerdings, dass im Anschluss darüber gesprochen wird. Denn auch hochkochende Emotionen bei fiktiven Personen haben einen Einfluss auf die spielende Person. Es hilft dann, sich der Distanz bewusst zu werden, zu überlegen: Wie habe ich mich gefühlt? Wie hat sich der Charakter gefühlt? Was müsste passieren, damit es mir oder dem Charakter bei der nächsten solchen Aktion besser geht?

Wenn während des gespielten Streits die Emotionen hochkochen und vielleicht auch gewütet wird, anschließend aber alle lachen können, sich auf die Schultern klopfen und sich für den gelungenen Streit beglückwünschen – dann ist es richtig.

Ebenso ist ein Rollentausch möglich, wenn es zwei Personen gibt, die sich regelmäßig in der Wolle haben. Falls sie dazu bereit sind, kann jede Person die Rolle der anderen übernehmen und dann versuchen, aus dieser anderen Sicht zu argumentieren. Meistens führt das zu Aha-Effekten – es muss aber natürlich einfühlsam begleitet werden.

Und wie soll das im Unterricht funktionieren?

Ich habe oben von Gruppen in der Größe von 4 bis 7 Personen gesprochen. Das ist natürlich deutlich kleiner als eine typische Klasse. Das bedeutet, eine typische Klasse mit 25 bis 35 Schülerinnen und Schülern würde aus 4 bis 7 Rollenspielgruppen bestehen, jeweils mit einer eigenen Spielleitung. Meine optimalen Gruppengrößen sind vier Spielende pro Spielleitung.

Die Spielleitung ist dazu da, die Spielenden am eigenen Tisch durch die Geschichte zu leiten, sie übernimmt also einen Teil der Verantwortung.

Die Lehrkraft übernimmt damit dann eher eine unterstützende und beobachtende Funktion.

Und damit sind wir beim Kern: der Geschichte und den Charakteren. Als Lehrkraft muss ich kein begnadeter Schriftsteller/keine begnadete Schriftstellerin sein, aber ich kenne sicherlich meine Schülerinnen und Schüler. Wem traue ich also die Rolle als Spielleitung zu? Was kann ich über die Schülerinnen und Schüler allein dadurch lernen, welche Rolle in der Geschichte sie wählen? Durch die Lösungen, die sie finden? Welche Schülerinnen und Schüler wollen vielleicht gar nicht selbst spielen, steuern aber großartige Geschichten bei oder erweitern die Fantasiewelt?

Ich kann vor allem viel über meine Schülerinnen und Schüler lernen. Wie sie neue Situationen angehen, welche Rolle(n) sie gerne spielen und wie sie sie ausfüllen – und wie sie das jeweilige Abenteuer für sich erlebt haben. Was ihnen geholfen hat – und was nicht. Denn eine Nachbesprechung gehört immer auch dazu. 

Dabei können folgende Fragen helfen:

  • Wie haben die einzelnen Schülerinnen und Schüler die Szene/das Abenteuer erlebt? 
  • Welche Lösungen wurden gefunden?
  • Wie unterscheiden sich die Ausgänge in den jeweiligen Gruppen?
  • Was lief gut?
  • Was war vielleicht nicht so gut? Und wie könnte man das beim nächsten Mal anders/besser machen?
Tipp

Materialien zur Förderung von Sozialkompetenzen

In der Betzold Beratung stellen wir Ihnen geeignete Materialien zur Förderung verschiedener sozialer Kompetenzen vor: zur Betzold Beratung "Soziale Kompetenzen bei Kindern stärken".

Was kann Rollenspiel (eher) nicht?

  • Rollenspiel kann nicht Unterricht ersetzen, das soll es auch gar nicht. Ich sehe es eher als Möglichkeit, dadurch mehr über die Schülerinnen und Schüler zu lernen.
  • Rollenspiel ist auch kein garantierter Problemlöser bei Konflikten. Es können mit dessen Hilfe Konflikte gelöst werden, aber aufgrund der Vielschichtigkeit der Art von Konflikten wäre es vermessen zu sagen: „Diese Methode funktioniert immer.“
  • Außerdem benötigt Rollenspiel etwas Fingerspitzengefühl und den Willen, sich auf etwas Neues einzulassen – von allen Beteiligten –, weil es sich ohne eine gewisse Offenheit einfach nur steif und „seltsam“ anfühlt. Wenn sich alle oder auch nur ein Teil damit unwohl fühlen, wird es vermutlich eher schaden als nutzen.

Eine Szenenidee für eine Kleingruppe

Jetzt gab es viel Theorie, aber wie ist das mit der praktischen Umsetzung? Ich habe hier einen kleinen Szenariovorschlag zum Ausprobieren. Er ist sehr offen gehalten, um möglichst gut auf die jeweilige Zielgruppe angepasst werden zu können:

Die Schülerinnen und Schüler übernehmen die Rollen von Schülerinnen und Schülern an einer bekannten Schule für magisch begabte Kinder. Sei es Harry Potter, die Schule der magischen Tiere oder Umbrella Academy.

Alle sind dabei in der Lage, zumindest ein paar magische Sprüche zu wirken – allerdings hilft das bei dem aktuellen Problem, dem verschwundenen magischen Hut, nur sehr bedingt weiter. Es sind einige Rätsel und Aufgaben zu lösen, bevor der Hut schließlich wiedergefunden werden kann. Rechenrätsel, Kombinationsrätsel, andere Personen befragen ...

Wieso der Hut verschwand und wer dafür verantwortlich ist? Das kann der Hausmeister gewesen sein, der ihn versehentlich wegräumte, oder ein Streich der älteren Schülerinnen und Schüler. Vielleicht ist auch mehr dran an diesem Hut und ein Finsterling hat seine Finger im Spiel?

Diese Fragen müssen nicht einmal von Anfang an beantwortet sein, auch wenn das einer unerfahrenen Spielleitung natürlich hilft. Die Szene kann sich sonst auch von dort entwickeln, dass besagter Hut verschwunden ist. Die Spielleitung muss dann „nur“ den Spielerinnen und Spielern zuhören und die Lösung wählen, die für alle die spannendste oder wahrscheinlichste zu sein scheint – und auch spontan einen Weg dorthin mit bereitlegen. Alles ganz einfach, oder?

Je nach Altersgruppe kann der Schwierigkeitsgrad angepasst werden. Die Art und Komplexität der Aufgaben und Rätsel und natürlich auch die Komplexität der auftretenden Figuren.

In einem eher einfachen Beispiel hat der Hausmeister den Hut einfach weggeräumt, als er gerade Großputz vor den Ferien machte. Dabei sind ein paar Kaninchen ausgebüchst, die eingefangen werden mussten, bevor man sich wirklich auf die Suche machen konnte. Der richtige Schlüssel zum Archiv wurde mit ein paar Kniffen aus dem Schlüsselkasten geborgt und gemeinsam konnte auch das Zahlenrätsel am Schrank im Archiv geknackt und damit der Hut geborgen werden.

Fazit

Rollenspiel hat viele Vorteile und Möglichkeiten. Probieren Sie es einfach einmal aus und staunen Sie, was die Kinder alles liefern, wenn man ihre Kreativität kitzelt. Beim Anpassen der Szenario- Idee bin ich im Übrigen gerne behilflich.

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Wer schreibt hier?

Lucie Körber
Gastautorin
Ich heiße Lucie Körber und bin ursprünglich studierte Luft- und Raumfahrttechnikerin. Nebenbei bin ich seit über 25 Jahren Spielleitung (und Spielerin) in verschiedenen Gruppen unterschiedlicher Altersstufen. Als „Ideenbrunnen“ helfe ich Autorinnen/Autoren und Menschen, die einfach so schreiben wollen, ihre Kreativität spielerisch wiederzuentdecken. Dabei fällt es mir sehr leicht, mir immer wieder neue Impulse oder Szenario-Ideen auszudenken. Weitere Infos: https://luciestumm.de