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Veröffentlichung: 10.10.2024

Kollegiale Fallberatung in der Schule – ein effektives Werkzeug für Lehrerinnen und Lehrer

Hier erläutern wir, wie die kollegiale Fallberatung funktioniert, wann sie angewendet wird und welche Methoden sich dafür besonders bewährt haben.
Bettina Kroker
Bettina Kroker
Online-Redakteurin

© contrastwerkstatt / Fotolia.com  

Immer wieder kommt es an Schulen zu Konflikten oder schwierigen Situationen, die Lehrerinnen und Lehrer alleine nur schwer lösen können. Eine neue Perspektive durch ein kurzes Gespräch mit einer Kollegin oder einem Kollegen kann manchmal schon weiterhelfen. Doch nicht jeder Austausch im Lehrerzimmer führt zu einer zielgerichteten Problembewältigung. Oft fehlt die Struktur, um komplexe Probleme systematisch anzugehen und gemeinsam zu reflektieren.

Die strukturierte und umfassendere Version solcher Gespräche ist die kollegiale Fallberatung. Dabei können Sie auf den Input einer ganzen Gruppe zu Ihrem Fall zugreifen. 

Was versteht man unter kollegialer Fallberatung in der Schule?    

Die kollegiale Fallberatung ist eine strukturierte Methode, bei der Lehrkräfte sich gegenseitig bei herausfordernden Fällen unterstützen. Eine Kollegin oder ein Kollege bringt einen konkreten Fall ein (z.B. Probleme mit Schülerinnen/Schülern, Lehrkräften oder Eltern), und das Team hilft durch gezielte Fragen und Reflexion, neue Lösungsansätze zu finden.

Der Fokus liegt dabei in der Regel auf einer lösungsorientierten Reflexion, nicht auf einer detaillierten Problemanalyse.

Info

Merkmale der kollegialen Fallberatung

  • Selbstorganisiert: Die Beratung wird von den Lehrkräften selbst organisiert und durchgeführt. Eine externe Moderation gibt es in der Regel nicht.
  • Strukturiert: Es gibt einen klaren Ablauf, meist in Form von definierten Schritten, um den Prozess effizient und ergebnisorientiert zu gestalten.
  • Vertrauensbasiert: Damit die kollegiale Fallberatung erfolgreich funktioniert, ist ein vertrauensvoller und wertschätzender Umgang innerhalb der Gruppe entscheidend.

Wann wird eine kollegiale Fallberatung durchgeführt?

Die kollegiale Fallberatung kann zum Einsatz kommen, wenn Sie vor beruflichen Herausforderungen stehen, die Sie alleine nur schwer lösen können.

Typische Anlässe sind:

  • Konflikte mit Schülerinnen und Schülern: zum Beispiel wiederkehrende Disziplinprobleme, mangelnde Motivation oder schwierige Verhaltensweisen einzelner Schülerinnen oder Schüler
  • Schwierigkeiten im Umgang mit Eltern: unklare Kommunikation, übermäßige Forderungen oder Konflikte zwischen Eltern und Lehrkräften
  • Herausforderungen im Kollegium: Spannungen oder Meinungsverschiedenheiten im Team, die das Arbeitsklima belasten
  • Schwierige Unterrichtssituationen: komplexe Klassensituationen, wie ein hohes Maß an Heterogenität, Inklusion oder fehlende Disziplin, die das Lehren erschweren

Einige Schulen haben bereits feste Gruppen, die sich der kollegialen Fallberatung widmen, und einen festen, strukturierten Beratungsprozess etabliert. Dadurch ist der Prozess niedrigschwellig und fest verankert. Wenn die Fallberatung nur sporadisch durchgeführt wird, ist häufig die Beratungslehrkraft involviert. 

Ablauf einer kollegialen Fallberatung

Der Ablauf folgt in der Regel einem strukturierten Schema. Dadurch ist es möglich, den Fall effizient und zielorientiert zu besprechen.

Ein typischer Beratungsprozess gliedert sich in mehrere Phasen und beinhaltet eine klare Rollenverteilung. Dies gewährleistet, dass der Fokus auf dem Fall bleibt und konstruktive Lösungsansätze entwickelt werden können. Je nach Modell ist eine Unterteilung in 6 bis 10 Phasen üblich. Die Dauer einer Fallberatung beträgt je nach Modell in der Regel 45 bis 90 Minuten.

Als Beispiel für einen möglichen Ablauf skizzieren wir die kollegiale Fallberatung nach Kim-Oliver Tietze, die in 6 Schritte gegliedert ist.

Phase 1: Casting/Rollenverteilung

Damit die kollegiale Fallberatung strukturiert abläuft, gibt es klar definierte Rollen, die in der ersten Phase zugewiesen werden:

  • Fallgeber/Fallgeberin: die Person, die den Fall einbringt und um Unterstützung bittet
  • Beratungsteam: die Kolleginnen und Kollegen, die den Fallgeber mit Fragen und Lösungsansätzen unterstützen
  • Moderator/Moderatorin: eine Person, die den Prozess leitet und sicherstellt, dass die Phasen und Zeiten eingehalten werden Der Moderator greift nur lenkend ein und sorgt für einen respektvollen und wertschätzenden Austausch. 

Phase 2: Spontanbericht

Der Fallgeber/die Fallgeberin stellt das zu behandelnde Problem oder die Herausforderung ohne Vorbereitung kurz aus eigener Sicht dar. Dabei wird der Hintergrund erläutert, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Wichtig ist, dass die Situation für die anderen Teilnehmenden klar verständlich wird. Die moderierende Person und das Beratungsteam können Verständnisfragen stellen.

Phase 3: Schlüsselfrage

Mit der Schlüsselfrage formuliert der Fallgeber/die Fallgeberin das zentrale Anliegen. Welches Ziel erhofft man sich mit der Fallberatung zu erreichen? Die moderierende Person und die Beraterinnen und Berater können bei der Formulierung der Schlüsselfrage unterstützen. Wie die Schlüsselfrage final formuliert wird, entscheidet der oder die Fallgebende.  

Phase 4: Methodenwahl

In dieser Phase wählt der Fallgeber/die Fallgeberin gemeinsam mit dem Beratungsteam die Methode aus, die er bzw. sie für den weiteren Beratungsprozess anwenden möchte. Der Moderator bzw. die Moderatorin kann diesen Vorgang unterstützen und Vorschläge einbringen. 

Je nach Situation und Problemstellung können verschiedene Methoden hilfreich sein.

Info

Beispiele für Methoden der kollegialen Fallberatung:

  • Brainstorming: Welche Lösungsansätze könnte es geben? Alle Teilnehmenden nennen spontan ihre Vorschläge, ohne sie sofort zu bewerten. 
  • Das  Reflecting Team: In einer kleinen Gruppe spricht das Beratungsteam über den Fall und mögliche Lösungen, während der Fallgeber nur zuhört und nicht eingreift. Dadurch kann er eine distanzierte Perspektive auf die Situation gewinnen und von den Überlegungen der anderen profitieren, ohne direkt involviert zu sein. Nachdem das Reflecting Team seine Diskussion beendet hat, gibt der Fallgeber Feedback und entscheidet, welche Ideen er aufgreifen möchte.
  • Perspektivwechsel: Die Beratenden versetzen sich in die Rollen der am Fall Beteiligten. Das hilft dem Fallgeber/der Fallgeberin, das Problem aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und möglicherweise neue Handlungsansätze zu erkennen.
  • Hypothesenbildung: Die Berater formulieren mögliche Hypothesen über die Ursachen des Problems oder über potenzielle Lösungen. Diese Hypothesen werden dann gemeinsam reflektiert und auf ihre Plausibilität und Umsetzbarkeit überprüft. Ziel ist es, tieferliegende Ursachen zu identifizieren und darauf basierend Lösungsansätze zu entwickeln.
  • Kollegiales Rollenspiel: Die Beraterinnen und Berater simulieren eine realistische Interaktion, die den Kern des Problems widerspiegelt. Der Fallgeber/die Fallgeberin kann dabei unterschiedliche Reaktionen und Handlungsstrategien testen, um zu sehen, welche Ansätze am besten funktionieren könnten.

Phase 5: Beratung

Nun beginnt die eigentliche Beratungsphase, in der die gewählte Methode angewendet wird. Das Beratungsteam macht Lösungsvorschläge, gibt Denkanstöße oder stellt alternative Perspektiven vor. Die moderierende Person achtet dabei auf den Zeitrahmen, den Bezug zur Schlüsselfrage und die gewählte Methode. Der oder die Ratsuchende nimmt in dieser Phase eine zuhörende Rolle ein. Die Lösungsvorschläge sollten notiert werden.

Phase 6: Abschluss

Der Fallgeber/die Fallgeberin resümiert und reflektiert die erhaltenen Lösungsvorschläge und entscheidet, welche Ansätze hilfreich sein könnten. Er bzw. sie formuliert konkrete nächste Schritte, die er bzw. sie umsetzen möchte. Abschließend bedankt der oder die Fallgebende sich bei der Gruppe.

Mögliche Vorteile 

  • Persönliche und berufliche Entlastung

    Lehrerinnen und Lehrer sind durch die kollegiale Fallberatung in schwierigen Fällen nicht auf sich allein gestellt und können die Schule entspannter verlassen. Damit ist die kollegiale Fallberatung auch wichtig für den Erhalt der Lehrergesundheit.
  • Gemeinsame Problemlösung durch Perspektivenvielfalt

    Die beteiligten Kolleginnen und Kollegen bringen unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen ein, was oft neue Lösungsansätze eröffnet.
  • Förderung von Teamarbeit und Vertrauen im Kollegium

    Lehrkräfte profitieren so nicht nur von konkreten Ratschlägen, sondern auch von einem verbesserten Gemeinschaftsgefühl. Die Zusammenarbeit im Team wird gestärkt.
  • Reflexion des eigenen Handelns 

    Denk- und Verhaltensmuster werden bewusst hinterfragt, was zu persönlichem und beruflichem Wachstum führen kann.

Stolpersteine und wie man sie überwindet

  • Mangelnde Offenheit

    Ohne Offenheit wird die Beratung oberflächlich und wenig zielführend. Eine wertschätzende Gesprächsführung sowie ein klarer Verhaltenskodex (Vertraulichkeit, Respekt) kann helfen, Ängste abzubauen.
  • Zeitmangel

    Zeit ist im Schulalltag oft Mangelware. Deswegen sollten die Sitzungen gut vorbereitet sein und es sollte eine klare Agenda mit Zeitlimits für jede Phase geben. 
  • Unklare Problemstellung

    Wenn das Problem nicht klar formuliert wird, ist eine gezielte Beratung schwierig. Eine gute Moderation, die durch präzise Fragen zur Schärfung des Falls beiträgt, kann hier Abhilfe schaffen.
  • Fehlende Verbindlichkeit

    Ohne eine klare Absprache über nächste Schritte kann die Fallberatung im Sande verlaufen. Der bzw. die Fallgebende sollte am Ende der Beratung konkrete Maßnahmen formulieren und diese nachverfolgen, um die Umsetzung der besprochenen Lösungen sicherzustellen.

Grenzen der kollegialen Fallberatung

Die kollegiale Fallberatung ist ein wertvolles Instrument, um berufliche Herausforderungen im schulischen Alltag zu reflektieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Allerdings gibt es Situationen, in denen dieses Format an seine Grenzen stößt:

1. Persönliche Konflikte

Wenn Konflikte zwischen Kolleginnen und Kollegen bestehen oder stark emotionale Themen im Raum stehen, kann Beratung schwierig sein. Da die Beteiligten oft auf einer gleichrangigen Ebene arbeiten, fehlt manchmal die notwendige emotionale Distanz, um solche Probleme neutral und lösungsorientiert zu bearbeiten. Persönliche Spannungen können das Beratungsklima belasten und zu unproduktiven Diskussionen führen.

2. Psychische Belastungen

Bei schwerwiegenden psychischen Belastungen, wie etwa Burnout, Depressionen oder tiefgehenden persönlichen Krisen, ist die kollegiale Fallberatung nicht ausreichend. In solchen Fällen bedarf es professioneller therapeutischer bzw. psychologischer Unterstützung.

3. Komplexe organisatorische oder rechtliche Fragestellungen

Wenn es um komplexe organisatorische Fragen (z.B.  Personalfragen) oder rechtliche Konflikte geht, stößt die kollegiale Fallberatung ebenfalls an ihre Grenzen. Diese Themen erfordern oft eine fachlich fundierte Beratung durch Experten.

Info

Abgrenzung zur Supervision und professionellen Beratung

  • Supervision wird von einem externen, professionellen Supervisor durchgeführt, während die kollegiale Fallberatung von den Teilnehmenden selbst moderiert wird.
  • Supervision ist oft intensiver und tiefgründiger und zielt auch auf die emotionale Verarbeitung von beruflichen Erfahrungen ab.
  • Im Gegensatz zur kollegialen Fallberatung geht es hier oft um tiefergehende Veränderungsprozesse und nicht nur um punktuelle Problemlösungen.

Die kollegiale Fallberatung eignet sich also besonders für alltägliche berufliche Herausforderungen und lösungsorientierte Reflexionen. Bei tieferliegenden persönlichen oder psychischen Themen sowie in rechtlich komplexen Fällen sollte auf professionelle Unterstützung zurückgegriffen werden.

Weitere Informationen zu Supervision erhalten Sie im Beitrag „Supervision und Coaching für Lehrerinnen und Lehrer“.

Fazit

Die kollegiale Fallberatung kann ein wertvolles Lern- und Reflexionsinstrument sein, das nicht nur bei der Lösung akuter Herausforderungen hilft, sondern auch die Zusammenarbeit im Kollegium nachhaltig stärkt. Sie ermöglicht es Lehrkräften, ihre beruflichen Erfahrungen gemeinsam zu reflektieren, verschiedene Perspektiven einzunehmen und voneinander zu lernen.

Besonders, wenn die Methode regelmäßig zum Einsatz kommt, kann sie ihr volles Potenzial entfalten. Durch kontinuierliche Treffen wird eine Kultur der Offenheit und des gegenseitigen Vertrauens aufgebaut, die langfristig zur Verbesserung der Schulqualität und des Arbeitsklimas beiträgt.

Quellen

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Bettina Kroker
Online-Redakteurin
Seit 2014 arbeite ich bei Betzold in Ellwangen als Online-Redakteurin. Im Betzold-Blog möchte ich Lehrerinnen und Lehrern den ein oder anderen Tipp weitergeben, der den Schulalltag erleichtert und Zeit spart. Da ich stets auf der Suche nach neuen, interessanten Blog-Themen bin, freue ich mich immer über Ihre Anregungen: