Praxisinterview
Frau Häfele, haben auch geflüchtete Kinder einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz?
Die Frage zum Rechtsanspruch befindet sich aktuell in der Abklärung. Das Kultusministerium wird auf seiner Homepage dazu in Kürze Hinweise geben. Ein Rechtsanspruch für einen Kindergartenplatz gilt bei gewöhnlichem Aufenthalt, also wenn der Wohnort längerfristig bewohnt wird. Bei Kindern ab 6 Jahren greift die Schulpflicht. Das gilt auch für Kinder, die über die Massenzustromsrichtlinie gekommen sind.
Wie ähnlich sind die Angebote der frühkindlichen Betreuung in der Ukraine und in Deutschland?
Das System Kindergarten in der Ukraine ist nicht vergleichbar mit unseren Kitas. Viele ukrainische Kinder gehen erst 1 Jahr vor der Einschulung in den Kiga um dort Umgangsformen und vorschulische Fähigkeiten zu erlernen. Die ukrainischen Eltern haben evtl. andere Vorstellungen vom Kiga und andere Erwartungen an die päd. Fachkräfte und an die Einrichtung.
Welche organisatorischen Schritte sind seitens der aufnehmenden Einrichtung zu beachten?
Solange freie Plätze vorhanden sind, kann man Kinder aufnehmen, ansonsten muss man einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung beim KVJS stellen. Vor der Aufnahme muss man verschiedene Fragen mit dem Träger klären: Kostenübernahme der Beiträge (wir setzen den Elternbeitrag für die ersten 3 Monate aus, dann stellen wir einen Antrag auf Kostenübernahme beim Landratsamt), Masernschutzimpfung (wir klären das mit dem ortsansässigen Arzt), in welche Gruppe passt das Kind am besten.
Wie stellt sich das pädagogische Team auf geflüchtete Kinder ein?
Wir besprechen im Vorfeld, was jeder dazu beitragen kann, dass die Aufnahme der Kinder gelingen kann. Der KVJS hat ein Rundschreiben erstellt und eine FAQ-Liste zu den Betreuungsangeboten für geflüchtete Kinder aus der Ukraine entwickelt, die kontinuierlich weiter fortgeschrieben und angepasst wird.
Wie wird die Eingewöhnung bei Kindern mit Fluchterfahrung gestaltet?
Zunächst ist es ratsam das „Sprachproblem“ zu klären. Ein Dolmetscher ist ratsam und den Anfangskontakt zu erleichtern. Wenn möglich sollte die Bezugsperson des Kindes die erste Zeit dauerhaft anwesend sein. Anfangs evtl. nur stundenweise Besuche im Kindergarten, die Betreuungszeit langsam ausweiten. Rückzugsmöglichkeiten anbieten, nichts übereilen und falls es nicht klappt nach anderen Lösungen suchen.
Wir haben seit einem Monat ein 5-jährige Mädchen aus der Ukraine in unserer Einrichtung aufgenommen. Zunächst war sie für 2 bis 3 Stunden mit ihrer Mama in der Gruppe mit 25 Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren. Als die Mama nach einer Woche für 2 Stunden nach Hause ging, war schnell zu erkennen, dass sie sich in der großen Gruppe nicht wohl fühlt, ihr war es zu laut und die vielen Kinder störten sie. Also besprachen wir mit der Mama, dass ihre Tochter in die Gruppe mit 19 Kindern im Alter von 3 bis 4 Jahren wechselt. Dort ist eine Erzieherin, die russisch spricht. Seither geht es dem Mädchen besser und die Kollegin kann ihr den Alltag besser erklären.
Welche Tipps gibt es zum Umgang mit Sprachbarrieren – bei Kindern und Eltern.
Google Übersetzer als App herunterladen, dann kann man einzelne Worte übersetzen lassen. Bilder mit Dingen aus dem Alltag, mit deutschen und russischen oder ukrainischen Begriffen, auf die man zeigen kann. Bei uns war/ist Englisch die Sprache, mit der wir uns mit der Mutter unterhalten konnten/können.
Wie werden Flüchtlingskinder am besten in die Gruppe integriert?
Indem man sie so annimmt, wie sie sind und zunächst versucht eine Beziehung aufzubauen. Also kein Unterschied zur Aufnahme von unseren sonstigen Kindern.
Wie reagieren pädagogische Fachkräfte am besten auf Zeichen der Traumatisierung bei den Kindern?
Die Anzeichen wahrnehmen, im Team besprechen und Hilfe suchen bei Beratungsstellen oder bei Kollegen.
Welche Tipps für eine gelungene Elternarbeit mit Geflüchteten gibt es?
Empfehlenswert wäre bestimmt ein regelmäßiges Treffen der Eltern untereinander, wenn mehrere Familien am Ort sind. Also ein Ort, an dem sich die Eltern treffen können zum Austausch untereinander und Kontakt zu knüpfen.
Welche Wünsche oder Anregungen haben Sie persönlich für ankommende geflüchtete Kinder?
Ich wünsche mir, dass wir den Kindern einen guten Start bei uns anbieten, dass sie sich willkommen fühlen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass wir es als kleines Dorf schaffen, die Familien bei uns zu integrieren.