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Forschung zur Lese-/Rechtschreibstörung
Forschungsprojekt zur Lese-/Rechtschreibstörung © Maria Rauschenberger

Forschung zur Lese-/Rechtschreibstörung gewinnt den Deutschen Lesepreis 2017

Wie wir bereits jetzt helfen können, die LRS spielerisch und frühzeitig zu erkennen

Gastbeitrag von Maria Rauschenberger

Der Deutsche Lesepreis 2017 für Maria Rauschenberger

Maria RauschenbergerMaria Rauschenberger Ph.D. Fellow erhielt den Deutschen Lesepreis 2017 für ihre Promotionsidee „Spielerische Erkennung der Lese-/Rechtschreibstörung“.

Der Deutsche Lesepreis wird in vier Kategorien einmal im Jahr in Berlin vergeben und zeichnet Leseförderungsmaßnahmen aus.

Dieses Jahr hat die Fachjury 281 Bewerbungen bewertet und in der Kategorie „Ideen von morgen“ Maria Rauschenberger mit ihrem Projekt zur „Spielerischen Erkennung der Lese-/Rechtschreibstörung” zur Gewinnerin gekürt.

Der mit 6.000 Euro dotierte Preis bedeutet für die Forscherin eine Wertschätzung ihrer Arbeit. Dies erhöht die öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit einer Legasthenie und ist ein positives Beispiel für alle Betroffenen. Außerdem werden damit auch alle bisherigen Teilnehmer an der Studie geehrt, die das “MusVis” gespielt haben.

Was ist die Lese-/Rechtschreibstörung?

In Deutschland sind 5 bis 12% von der Lese-/Rechtschreibstörung betroffen (laut ICD-10).

Andere Quellen sprechen auch von einer Lese-/Rechtschreibschwäche oder Legasthenie. In diesem Blog-Beitrag beziehe ich mich auf die Lese-/Rechtschreibstörung (LRS).

Selbst bei ähnlichen sozialen Strukturen, Intelligenzgrad und Trainingsaufwand haben Vergleichsstudien gezeigt, dass Kinder mit einer LRS sehr viel länger für gute Schulleistungen benötigen und später eine höhere Rate der Arbeitslosigkeit aufweisen als die Kontrollgruppe ohne LRS.

Mehr Informationen zur offiziellen Definition finden Sie hier:

Lese- und Rechtschreibstörung, ICD-10, F 81.0  (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme;
ICD, englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems)

Weitere Informationen:

  • G. Esser, A. Wyschkon, and M. Schmidt. Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung? Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 4:235–242, 2002
  • G. Schulte-Körne, W. Deimel, and Jungermann, M. and Remschmidt, H. Nachuntersuchung einer Stichprobe von lese-rechtschreibgestörten Kindern im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 31(4):267–276, 2003.

Wie äußert sich die Lese-/Rechtschreibstörung?

Eine LRS lässt sich nur schwierig in Alltagssituation, unabhängig vom Lesen und Schreiben feststellen, da die Betroffenen sich entsprechend ihres Alters verhalten, spielen oder kommunizieren.

Erst beim Erlernen der Schriftsprache (meist in der 1./2. Klasse) kommt es zu Schwierigkeiten, welche oft zunächst mit fehlender Aufmerksamkeit oder verminderter Intelligenz erklärt werden. Diese Schwierigkeiten im Bearbeiten der Schulaufgabe zeigen sich dann meist in allen Schulfächern mit einem erhöhten schriftlichen Anteil.

Ich möchte Sie als Lehrer*innen und/oder Eltern mit diesem Blog-Eintrag darauf aufmerksam machen, dass Personen mit einer LRS keine verminderte Intelligenz haben, sondern laut jetzigem Forschungsstand eine veränderte visuelle und/oder akustische Wahrnehmung, die durch Rechtschreibfehler oder langsames Lesen sichtbar wird.

Was, wenn Sie eine LRS vermuten?

Eine Ferndiagnose ist schwierig und ich rate Ihnen, sich beim Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) einen Ansprechpartner aus Ihrer Region herauszusuchen. Egal, ob es sich um eine Lese-/Rechtschreibstörung oder etwas anderes oder nichts handelt.

Danach haben Sie Gewissheit und können entsprechende Hilfsmaßnahmen anfragen und zur Verfügung gestellt bekommen.

Der BVL stellt Informationen und Handlungsorientierungen zum Umgang und Training für Lehrer, Eltern und Betroffene auf seiner Webseite zur Verfügung.

Personen mit einer LRS

Bisher wird die LRS meist in der 4. Klasse erkannt, und bis dahin ist die Frustration bei Kindern, Eltern und Lehrern bereits sehr hoch.

Der Vorwurf “nicht genug zu üben” oder “nicht genug zu helfen” lastet auf allen Personen. Das muss nicht sein!

Denn Personen mit einer LRS können durch die frühzeitige Erkennung und Unterstützung sowie individuelle Strategien die LRS kompensieren. Außerdem ist es diskriminierend, einen Menschen alleine über seine Fähigkeiten bezüglich des Schreibens und Lesens zu definieren.

Lesen und Schreiben ist natürlich ein Standard-Werkzeug der Kommunikation, aber dennoch haben LRS-Betroffene wie alle Menschen auch Stärken. Diese Fertigkeiten und Fähigkeiten liegen in anderen Bereichen, sind aber ebenso bemerkenswert und sollten gefördert werden.

Auch in der neuen Video-Reihe“Vorbilder mit Legasthenie und Dyskalkulie” (https://www.youtube.com/watch?v=xUHkKnHCrq0) der Jungen Aktiven des BVLs (Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie), konzentriert man sich auf diese Stärken.
Zusammen mit Nicolas Soemer, Mario Ganz-Meyer, Jork Geercken, Frederic Braun, Carl-Ludwig Schmidt und mir wurde mit dem Schirmherren Prof. Dr. Tiemo Grimm vor allem über die Stärken von Personen mit einer Lese-/Rechtschreibstörung gesprochen.

Projektinformationen und Teilnehmeraufruf

Die spielerische Erkennung der Lese-/Rechtschreibstörung wird mit dem Spiel “MusVis” untersucht und hat eine spielerische und frühzeitige Erkennung der Lese-/Rechtschreibstörung als Ziel.

MusVis

Das Spiel „MusVis“ © Maria Rauschenberger

Das Web-Spiel enthält musikalische und visuelle Elemente. Durch den Vergleich von zwei Gruppen wird ein Unterschied in der Spielweise zwischen Kindern mit und ohne eine LRS untersucht.

Für die Online-Studie wurden gezielt Aufgaben aus den Erkenntnissen der Neurologie und Psychologie abgeleitet. Diese Aufgaben sind in dem Online-Spiel “MusVis” mit musikalischen und visuellen Elementen aufbereitet.

Die Teilnehmer benötigen etwa zehn Minuten für das Spiel.

Neben Alter, Grad der Rechtschreibfähigkeit, Muttersprache und der Schulnote in Deutsch und Mathematik werden keine persönlichen Daten abgefragt. Die Vorstudie mit ca. 330 Teilnehmern ist bereits abgeschlossen und wird gerade analysiert.

Kind spielt MusVis

Kinder spielen „MusVis“
© Maria Rauschenberger

Für die weitere Forschung werden aktuell Teilnehmer im Alter von 5 bis 12 Jahren mit und ohne eine Lese-/Rechtschreibstörung gesucht.

Für ihre persönliche Einladung zur Teilnahme am Forschungsprojekt schreiben Sie bitte eine E-Mail an teilnehmerforschung@gmail.com.

Die Teilnahme erfolgt bequem zuhause mit einem Computer oder auf einem Tablet.
Gerne schicke ich Ihnen auch einen Informationsflyer, den Sie in Ihre Schule verteilen können.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.mariarauschenberger.net

Unsere Gastautorin Maria Rauschenberger

Maria RauschenbergerMaria Rauschenberger hat im Jahr 2015 ein Promotionsstipendium der Universität Pompeu Fabra erhalten und forscht seit Januar 2016 in der Web Science and Social Computing Gruppe in Barcelona.
Ihr Doktorvater ist Prof. Dr. Ricardo Baeza-Yates (Früher Vice-President of Yahoo und jetzt CTO von NTENT) und Dr. Luz Rello (Systems Scientist an der renommierten Carnegie Mellon University).

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