Je nach dem Schwierigkeitsgrad des Textes und dem Wortschatz des Kindes führt das zu guten Erfolgen oder zu einem Desaster. Im ersten Fall wird das Problem deshalb oft lange nicht erkannt.
Einmal wurde ich gebeten, einen Drittklässler zu fördern, dessen Mutter meinte, ihr Sohn habe das nicht nötig. Nachdem ich den Jungen getestet hatte, wollte ich von der Mutter wissen, wie sie zu ihrer irrigen Auffassung kam.
Sie erzählte mir, dass ihr der Sohn jeden Abend aus einem Buch fehlerfrei und flüssig vorlese. Ob sie denn im Buch mitlese, wollte ich dann wissen. „Nein, er lässt mich da nicht reinschauen!“, war die Antwort.
Wenn mich Eltern fragen, auf was sie beim Leselernprozess achten müssen, ist mein erster Rat: Achten Sie darauf, dass Ihr Kind genau das liest, was geschrieben steht.
Wenn das nicht der Fall ist, dann bitte das Kind einbremsen. Langsam und genau zu lesen ist wichtiger als schnell und falsch. Die Geschwindigkeit kommt mit der Übung ganz von alleine.
Es sind nicht die Buchstaben
Was mich anfangs sehr verwirrt hat, war, dass meine Schüler zwar alle Buchstaben benennen konnten, aber manche trotzdem falsch lasen. Besonders fiel mir das bei den Buchstaben b und d auf (aber auch bei ei und ie).
Die häufig gehörte Theorie, dass das an der Zusammenarbeit der linken und rechten Gehirnhälfte liegen soll, hat mir nicht eingeleuchtet. Denn das Problem war weg, wenn ich das flüssige Lesen meiner Schüler unterbrach und fragte, ob in dem nächsten Wort ein b oder ein d sei.
Auch hier sieht es so aus, dass es die Lesetechnik bzw. das zu schnelle Lesen ist, das die Probleme verursacht. Typische Lesefehler zeigen das Problem deutlich. Frappierend ist dabei das Hörbeispiel einer Mittelschülerin. Sie war Legasthenikerin und mir von der Schule mit wenig Hoffnung zugeteilt worden. Man hört, dass diese Schülerin eigentlich lesen kann, aber wegen einer falschen Lesestrategie im Normalfall nur Gestammel produziert.
Fazit
Wichtig beim Leselernprozess ist es, jedem Kind die Zeit zu geben, die es braucht.
Wenn die Schule – und das Elternhaus – das nicht gewährleisten können, müssen andere Wege gegangen werden. Die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Lesepaten oder der Einsatz von Schülertrainern versprechen gute Ergebnisse und kosten kaum etwas. Die Aktivsenioren unterstützen gerne.
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