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Leseförderung
Lesepatin im Einsatz, Foto: Gisela Meier

Projekt zur Leseförderung: Der Lesekoch

Erfolgsfaktor Zeit beim Lesenlernen

Gastbeitrag von Siegbert Rudolph

Wenn ein Kind Leseschwierigkeiten hat, dann gibt es dafür meist eine Ursache: fehlende Zeit!

Fast ein Fünftel unserer Kinder, die „Hamburger Erklärung“ machte vor kurzem mit einer Petition darauf aufmerksam, verlässt die Grundschule, ohne richtig lesen zu können bzw. ohne zu verstehen, was gelesen wurde.

Es bedarf heute mehr Zeit und Kapazität für die Kinder, die beim Eintritt in die Grundschule in ihrer Entwicklung bis zu vier Jahre auseinander sind. Lesen hat man noch nie nur in der Schule gelernt. Aber heute muss es die Schule oft alleine richten. Ob die dafür geforderten und notwendigen Lehrerstellen geschaffen und besetzt werden können, ist ungewiss.

Zumindest das, was früher das Elternhaus geleistet hat, lässt sich aber ausgleichen. Dafür setze ich mich im Ruhestand ein.

Meine Motivation

Bei einem Bewerbungstraining der Aktivsenioren Bayern e. V. stellte ich fest, dass meine Schülerin (Mittelschule, Klasse 8) überhaupt nicht lesen konnte. Sie sagte mir, dass ihr in Mathe die Aufgaben vorgelesen werden. Die Lehrerin informierte mich darüber, dass meine Schülerin bereits erfolglos gefördert wurde und höchstens Bäckereiverkäuferin werden könnte.

Bewerbungstrainimg

Hilflos beim Bewerbungstraining, Bildmontage von S. Rudolph

Ich wollte mich damit nicht abfinden und begann ohne jede praktische Erfahrung eine Leseförderung. Zunächst musste ich feststellen, dass ich die Aufgabe drastisch unterschätzt hatte. Geholfen haben mir letztlich aber die Grundsätze des Lernens, die ich in meiner Schul- und Berufslaufbahn praktiziert hatte: vereinfachen, wiederholen, vertiefen, Geduld haben und motivieren.

Nach rund 180 Stunden, wobei etliche davon auf mein Erfahrungskonto gingen, konnte das Mädchen normal lesen, bestand den schriftlichen Einstellungstest einer großen Firma und hat eine Lehrstelle als Mechatronikerin bekommen.

Bei meinem ersten Fall habe ich viel gelernt. Inzwischen habe ich Erfahrungen mit 80 Schülern sammeln können, Kongresse besucht und Fachliteratur studiert. Mein System, das ich nach und nach trainingsbegleitend aufgebaut habe, heißt „Der Lesekoch“, weil ich davon überzeugt bin, dass man damit so einfach wie mit einem Kochrezept arbeiten kann, und weil ich im Ruhestand eigentlich kochen wollte.

Ich arbeite ehrenamtlich. Deswegen sind meine Übungen kostenlos. Für mein System nutze ich PowerPoint von Microsoft. Damit ist mein Übungssystem mit rund 1.000 Übungen erstens modern, zweitens immer komplett auf dem Laptop verfügbar und drittens auch flexibel einsetzbar. Wer möchte, kann die Übungen auch individuell anpassen.

Grundprinzip des Lesekochs: vereinfachen und wiederholen

Vereinfachen bedeutet bei meinen Übungen, dass schwierige Wörter vorweg mit einem Silbenbaum geübt werden. Der Text ist ebenfalls mit Silbenkennung versehen und kann oft Silbe für Silbe oder Wort für Wort auf den Bildschirm per Klick gebracht werden.

Silbenbaum

Schwierige Wörter mit dem Silbenhammer üben, Quelle: PowerPoint-Seite von S. Rudolph

Mit diesem elektronischen Leselineal ist absolut stressfreies Lesen möglich. Zudem wird die Ratetechnik, die beim „normalen“ Lesen oft zu beobachten ist, ausgeschaltet. Gelesen wird in aller Ruhe das, was gerade am Bildschirm angezeigt wird.

Zu jedem Text gibt es Zusatzübungen, damit die Wörter in der Übungseinheit möglichst oft gelesen werden. Das ist der Wiederholungseffekt. Es gibt eine Einteilung nach Klassen und nach Problemstellung.

Lesepatengruppen bilden

Eine Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Lesepaten müsste eigentlich an jeder Grundschule möglich sein. Ein bisschen Zeit muss die Schule schon investieren, denn ohne eine verantwortliche Person in der Schule hat ein Projekt keine lange Lebensdauer.

Leseförderung

Lesepatin beim Lesetraining, Foto: Karin Führ

Ich habe für Lesepaten, die mit dem Computer arbeiten, ein komplettes, abwechslungsreiches Übungssystem (Video Beispiele) erstellt, das kostenlos zur Verfügung steht. Auch manche Lehrer nutzen Teile daraus.

Schulungen von Lesepaten führen Kollegen oder ich gerne durch, wobei auch Tipps an Paten gegeben werden, die nicht mit dem Computer arbeiten möchten. Es gibt PDF-Versionen von allen Übungen, sodass ein Lesepate meine Übungen auch auf Papier nutzen kann.

Schüler trainieren Schüler

Kapazität für Leseförderung kann man auch durch das Projekt „Schüler trainieren Schüler“ gewinnen. Schüler aus höheren Klassen lesen mit Schülern der Eingangsklassen. Das erfordert einen gewissen Organisationsaufwand an den Schulen, den manchmal die Förder- oder Beratungslehrer übernehmen.

Leseförderung

Lesetrainerinnen der 10. Klasse der Pestalozzi-Mittelschule Oberasbach mit dem Autor, Foto: Petra Fiedler

Die Leseübungen sind dann auf dem Server der Schule gespeichert, auf den die Schüler im Computerraum zugreifen können. Was gelesen wird, wird dokumentiert. Ich war selbst erstaunt, wie schnell die Schüler das System beherrschten und wie problemlos die Zusammenarbeit der Schüler funktioniert. Es gab nur ganz wenige Probleme, die die Lehrkräfte aber sehr schnell lösen konnten.

Hier berichtet eine Schule über die Einführung des Projekts.

Eltern einbeziehen

Oft empfehlen Lehrer meine Internetseite auch Eltern, die sich dort Tipps und Übungsmaterial kostenlos besorgen können. Für das Üben zuhause eignen sich auch meine Lese-Hörbücher, bei denen das Kind jeden Satz des Buches per Klick zur Kontrolle oder zum Üben anhören kann.
Der Ton läuft also nicht automatisch durch, was Kindern, die noch nicht perfekt lesen, Frust erspart.

Leseförderung

Lese-Hörbuch: Satz für Satz lesen und hören, Grafik: S. Rudolph

Bei meinen Lese-Hörbüchern bestimmt das Kind die Geschwindigkeit. Zusätzlich gibt es Lese-, Wortschatz- und Verständnisübungen. Leider fehlen den Eltern oft die Zeit und die Geduld.

Wie sich Kinder selbst helfen

Wenn ein Kind Mühe hat, einen Text zu lesen, und merkt, dass es schneller lesen sollte, dann liest es oft auch schneller. Es möchte die Erwartung erfüllen. Das geht allerdings zu Lasten der Genauigkeit. Das Kind eignet sich die Ratetechnik an.

Lesendes Kind

Was steht genau im Buch, Bildmontage von S. Rudolph

Je nach dem Schwierigkeitsgrad des Textes und dem Wortschatz des Kindes führt das zu guten Erfolgen oder zu einem Desaster. Im ersten Fall wird das Problem deshalb oft lange nicht erkannt.

Einmal wurde ich gebeten, einen Drittklässler zu fördern, dessen Mutter meinte, ihr Sohn habe das nicht nötig. Nachdem ich den Jungen getestet hatte, wollte ich von der Mutter wissen, wie sie zu ihrer irrigen Auffassung kam.
Sie erzählte mir, dass ihr der Sohn jeden Abend aus einem Buch fehlerfrei und flüssig vorlese. Ob sie denn im Buch mitlese, wollte ich dann wissen. „Nein, er lässt mich da nicht reinschauen!“, war die Antwort.

Wenn mich Eltern fragen, auf was sie beim Leselernprozess achten müssen, ist mein erster Rat: Achten Sie darauf, dass Ihr Kind genau das liest, was geschrieben steht.

Wenn das nicht der Fall ist, dann bitte das Kind einbremsen. Langsam und genau zu lesen ist wichtiger als schnell und falsch. Die Geschwindigkeit kommt mit der Übung ganz von alleine.

Es sind nicht die Buchstaben

Was mich anfangs sehr verwirrt hat, war, dass meine Schüler zwar alle Buchstaben benennen konnten, aber manche trotzdem falsch lasen. Besonders fiel mir das bei den Buchstaben b und d auf (aber auch bei ei und ie).

Die häufig gehörte Theorie, dass das an der Zusammenarbeit der linken und rechten Gehirnhälfte liegen soll, hat mir nicht eingeleuchtet. Denn das Problem war weg, wenn ich das flüssige Lesen meiner Schüler unterbrach und fragte, ob in dem nächsten Wort ein b oder ein d sei.

Auch hier sieht es so aus, dass es die Lesetechnik bzw. das zu schnelle Lesen ist, das die Probleme verursacht. Typische Lesefehler zeigen das Problem deutlich. Frappierend ist dabei das Hörbeispiel einer Mittelschülerin. Sie war Legasthenikerin und mir von der Schule mit wenig Hoffnung zugeteilt worden. Man hört, dass diese Schülerin eigentlich lesen kann, aber wegen einer falschen Lesestrategie im Normalfall nur Gestammel produziert.

Fazit

Wichtig beim Leselernprozess ist es, jedem Kind die Zeit zu geben, die es braucht.

Wenn die Schule – und das Elternhaus – das nicht gewährleisten können, müssen andere Wege gegangen werden. Die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Lesepaten oder der Einsatz von Schülertrainern versprechen gute Ergebnisse und kosten kaum etwas. Die Aktivsenioren unterstützen gerne.

Kontakt: der-lesekoch.de/kontakt.html

 

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