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Flipped Classroom
Flipped Classroom bedeutet kurz gesagt: Hausaufgaben in der Schule, Unterricht zuhause © Fotolia.com / Monkey Business

Alternatives Unterrichtskonzept: Flipped Classroom

Schon mal umgedrehten Unterricht gehalten?

Vor kurzem ist mal wieder eine neue Lernmethode aus den USA zu uns herübergeschwappt: Das Flipped oder auch Inverted Classroom.

Zunächst entdeckten es v. a. Universitäten und Hochschulen für sich, inzwischen heißt es aber auch an einigen Schulen: „Wir machen umgedrehten Unterricht“.

Vertauschte Lernorte

Der eigentliche Unterricht findet beim „Flipped Classroom“ dank digitaler Medien nicht im Klassenzimmer, sondern zuhause statt – oder im Prinzip überall dort, wo es die nötige Technik erlaubt.

Lehrerinnen und Lehrer stellen dafür Lernvideos (seltener Audiodateien oder schriftliche Materialien) zur Verfügung, in denen der Unterrichtsstoff erläutert wird. Auf dieser Grundlage erarbeiten sich die Schüler die neuen Inhalte dann selbstständig.

Flipped Classroom

Am Computer, Tablet oder Smartphone können sich die Schüler zuhause die Lernvideos ansehen und bearbeiten, Quelle: Betzold

So vorbereitet wird das Gelernte in der Schule wiederum durch Übungen gefestigt (aus Hausaufgaben werden also Schulaufgaben) und die Schüler haben die Möglichkeit, im Beisein der Lehrenden das Thema zu vertiefen, offen gebliebene Fragen zu stellen, Probleme zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Kurz gesagt: Der Input wird ausgelagert; geübt und vertieft wird in der Schule.

Noch kommt das „Flipped Classroom“ eher selten zum Einsatz. Das liegt zum einen daran, dass der Bekanntheitsgrad noch nicht wahnsinnig hoch ist, zum anderen dürfte Viele der Arbeitsaufwand abschrecken oder sie wissen nicht, wie sie das Konzept technisch und didaktisch sinnvoll in den Unterricht integrieren können.

Lernvideos erstellen

Zunächst benötigen Sie geeignete Lernvideos. Auf Deutsch ist das Angebot fertiger und frei im Netz verfügbarer Videos noch recht überschaubar (eine gute Linkliste finden Sie hier). Sie eignen sich aber wunderbar, um zu testen, ob Ihnen das Konzept „Flipped Classroom“ zusagt.

Fällt die Entscheidung, eigene Videos zu drehen:

  • Seien Sie nicht zu perfektionistisch!
  • Die Tonqualität sollte gut sein. Ein Headset von akzeptabler Qualität oder ein USB-Mikrofon (nicht neben die Laptop-Lüftung legen!) erfüllen diesen Zweck bei Screencast-Videos.
  • Kurz und auf den Punkt, statt epische Abhandlungen! Länger als 5 bis 10 Minuten, höchstens 15 Minuten, sollten die Videos nicht sein, sonst besteht die Gefahr, dass die Schüler die Motivation verlieren und das Gerät oder den Kopf abschalten.
  • Halten Sie die Schüler durch kleine Begleitaufgaben aufmerksam, die Sie ihnen z. B. als Arbeitsblätter mitgeben können: Beobachtungs-, Recherche- und Denkaufgaben, ein Lerntagebuch oder ein Quiz zwischendurch, verhindern, dass die Videos abgelenkt, unreflektiert oder nebenbei gesehen werden. Wer selbst zeichnen und schreiben muss, ist aktiv bei der Sache.

Ohne hier in die Tiefe gehen zu können (hier sei nochmals die Seite „Flip your class“ empfohlen, die viele Lernvideos zur Erstellung von Lernvideos bereithält :) ), hier zwei der möglichen Ansätze für Lernvideos:

Richten Sie Kamera oder Smartphone auf die Arbeitsfläche (auf Schatten achten) und zeichnen, schreiben und kommentieren Sie direkt.
Vielleicht arbeiten Sie lieber gleich auf dem Computer und erstellen ein Screencast-Video. Dafür gibt es kostenfreie (z. B. CamStudio, Screencast-O-Matic) oder kostenpflichte Software (z. B. Camtasia Studio). Das Ganze kann dann auf YouTube, Vimeo.com (hier können Sie Ihre Videos mit einem Passwort schützen) oder einer Lernplattform hochgeladen werden, die z. B. auf der Schulhomepage oder auf Moodle eingerichtet werden kann.

Flipped Classroom

Seien Sie beim Erstellen der Lernvideos nicht allzu perfektionistisch, Quelle: Betzold

Zuhause neuen Lernstoff kennenlernen und erarbeiten

Das Problem, dass die Videos nicht oder nur oberflächlich geschaut werden, ist bei Schülern natürlich gegeben. Wenn es nicht hilft, ihnen zu verdeutlichen, dass sie ohne die Vorarbeit praktisch nicht am Unterricht teilnehmen können, müssen die üblichen Konsequenzen gezogen werden, wie Sie sie z. B. auch bei vergessenen Hausaufgaben anwenden würden.

Bevor es losgeht, empfiehlt es sich auch, die Schulleitung und die Schülereltern ins Bild zu setzen – auch um zu klären, ob alle Schülern Internet und passende Geräte nutzen können. Sollten Schüler zuhause kein Internet haben, können Sie diesen die Videos auf USB-Stick zur Verfügung stellen.
Mit dem Flipped Classroom wird der Unterricht transparenter, was viele Eltern zu schätzen wissen.

Das erste Video sehen Sie sich am besten gemeinsam mit den Schülern an. So können Sie verdeutlichen, was beim Ansehen eines Lernvideos zu beachten und zu erarbeiten ist.

Schon weil die Lernvideos des Flipped Classrooms im Prinzip nichts anderes sind, als Frontalunterricht (der dafür in der Präsenzphase nur noch selten zum Einsatz kommt), sollten Sie weiterhin aus dem Vollen der Methodenkiste schöpfen. Abhängig vom Lernziel sind Videos nicht immer die beste Wahl, sondern vielleicht der Einstieg über ein Experiment oder Projektarbeit, um das selbstentdeckende Lernen zu fördern.

Aber auch das Flipped Classroom kann sich an die Gegebenheiten anpassen: Ein Erklärvideo kann z. B. gemeinsam in der Klasse geschaut werden, wenn es nach einer Phase des selbstständigen Erarbeitens die Ergebnisse zusammenfasst. Das wird übrigens als „in-class-flip“ bezeichnet. Oder Sie machen ein „half flipped classroom“: Hier wird das im Klassenraum Erarbeitete zuhause (unterstützt durch ein Video) nachbearbeitet.

Im Klassenzimmer üben und vertiefen

Was passiert nun in der Präsenzphase? Hier vier mögliche Phasen einer Flipped Classroom-Stunde:

  • Kontrolle: Waren zum Lernvideo Fragen zu bearbeiten und Aufschriebe anzufertigen, geben diese Ihnen einen ersten Anhaltspunkt, ob die Videos angesehen und bearbeitet wurden. Beginnen Sie die Stunde nicht mit Wiederholen – so würden Sie die eingesparte Zeit und den Anreiz, die Videos zu schauen, verspielen.
  • Fragerunde: Sie können zu Beginn der Stunde die offenen und weiterführenden Fragen Ihrer Schüler sammeln. Sind es viele, erkundigen Sie sich, wer welche Frage auch hat. So können Sie die Fragen priorisieren und nach und nach abarbeiten.
  • Übungen: Lassen Sie die Schüler einzeln oder in Kleingruppen Übungsaufgaben zu den neuen Lerninhalten bearbeiten. Währenddessen haben Sie Zeit, auf Schwierigkeiten und Fragen einzelner Schüler individuell einzugehen.
  • Diskussions- und Reflexionsphase: Um den Stoff noch zu vertiefen, eignen sich Diskussionsrunden, während denen sich die Schüler im Argumentieren üben können und das Gelernte reflektieren.
    Flipped Classroom

    Das Flipped Classroom fördert das selbstorganisierte und individuelle Lernen © Fotolia.com / Monkey Business

Darum lohnt sich das Flipped Classroom

  • Selbstorganisiertes, individuelles Lernen: Das Flipped Classroom ermöglicht es den Schülern, selbst zu entscheiden, wo, wann und v. a. in welchem Tempo sie lernen.
    Schüler, denen es im herkömmlichen Unterricht manchmal zu schnell geht und die infolgedessen nicht mehr mitkommen und aussteigen, können hier einfach auf Pause drücken, sich Passagen nochmals ansehen und haben Zeit, darüber nachzudenken. Auch alle, die sich sonst schon langweilen, weil sie bereits alles verstanden haben, profitieren von der selbstständig wählbaren Unterrichtsgeschwindigkeit. Auf der anderen Seite haben Sie in der Präsenzphase mehr Zeit, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler einzugehen.
  • 24/7: War ein Schüler krank oder steht eine Klausur an, kann der Vortrag von den Schülern jederzeit wieder abgerufen werden.
  • Feedback: Die in die Präsenzphase verlegte Übungszeit ermöglicht es Ihnen, Ihren Schülern mehr Feedback zu ihrem Lernstand geben zu können. Es wird schnell deutlich, wer den Lernstoff verstanden hat und wer noch Hilfe benötigt.
  • Höhere Aufmerksamkeit: Es wird weniger nur konsumiert.
    Die Gefahr, dass Schüler gedanklich schon aus dem Klassenraum entschwunden sind, ist deutlich geringer, wenn bei Übungen und Diskussionen Denkleistung, Argumentationsfähigkeit und Kreativität herausgefordert sind.

Auch für Sie als Lehrerinnen und Lehrer hat die Methode einige Vorzüge:

  • Redezeit reduzieren: Da gerade die Unterrichtsphasen, die Sie frontal halten würden, bestens ausgelagert werden können, wird Ihre Sprechzeit herunter- und die der Schüler hochgeschraubt. Dieses Plus an Redezeit ist für die Schüler ein Vorteil für alle Fächer, besonders auch für den Fremdsprachenunterricht.
  • Keine Langeweile: Manche Themen und Grundlagenwissen müssen Sie immer wieder in nahezu gleicher Form wiederholen. Einmal auf Video gebannt, überlassen Sie das Abspulen der Technik.
  • Mehr Betreuungszeit: Die ausgelagerte Vortragszeit können Sie nun für eine individuellere Betreuung der Schüler einsetzen: Es bleibt mehr Zeit zum Diskutieren und zur Klärung von Fragen. Dadurch haben Sie besser im Blick, wo die Schüler stehen und sind sozusagen mehr Lernbegleiter und Berater als Wissensvermittler.
  • Keine abgeschriebenen Hausaufgaben mehr: Statt Übungsergebnisse müssen die Schüler Wissen erarbeiten, das lässt sich nun mal schwer noch kurz vor der Stunde kopieren ;-)

Wirksamkeit und Einsatzmöglichkeiten

Bisher gibt es keine wissenschaftlich validen Studien, die nachweisen, dass die Wirksamkeit der Flipped Classroom–Methode deutlich höher ist, als ein herkömmlicher Unterricht. Erfahrungsberichte zeigen teilweise verbesserte, teilweise gleichbleibende Ergebnisse.

Neben der Wirksamkeit steht aber v. a. das Ziel im Vordergrund, mehr Zeit für Fragen, Diskussionen und einer Vertiefung des Themas zu haben. Der Einsatz ist dann sinnvoll, wenn er zu Ihrer pädagogischen Haltung, Ihren Lerninhalten und -zielen passt.

So eingesetzt ist das Flipped Classroom eine Bereicherung des Methodenpools, macht den Unterricht abwechslungsreicher und eröffnet ganz neue Perspektiven.

Über Bettina Kroker

Seit 2014 arbeite ich bei Betzold in Ellwangen als Online-Redakteurin. Im Betzold-Blog möchte ich Lehrerinnen und Lehrern den ein oder anderen Tipp weitergeben, der den Schulalltag erleichtert und Zeit spart. Da ich stets auf der Suche nach neuen, interessanten Blog-Themen bin, freue ich mich immer über Ihre Vorschläge: blog@betzold.de.

2 Kommentar

  1. Euer Betzold Blog-Team

    Inzwischen hat der Beitrag schon ein paar Monate auf dem Buckel: Er wurde im Juli 2016 veröffentlicht.

  2. Maya Carstensen

    Mich würde interessieren aus welchem Jahr der Blog- Eintrag ist? :)

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