2 Schülerinnen im Klassenzimmer
Die erste Klasse
Lehrer-Knigge
Aktualisiert: 04.10.2022

Duzen oder siezen in der Grundschule?

Welche Vor- und Nachteile hätte es, wenn die Kinder ihre Lehrerinnen und Lehrer während der gesamten Grundschulzeit duzen würden?
Bettina Kroker
Bettina Kroker
Online-Redakteurin

Vor einigen Jahren (2008) formulierten die Schülersprecher der Gesamtschulen und Gymnasien in Rheinland-Pfalz auf ihrer 44. Landeskonferenz die Forderung an die Politik, das „Sie“ als standardmäßige Anrede für Lehrerinnen und Lehrer durch das „Du“ zu ersetzen. Die vertraulichere Anrede war damals ein Teil des Wunsches nach mehr Demokratie und Mitspracherecht für Schülerinnen und Schüler – offiziell umgesetzt wurde es nicht.

2021 brachten einige Berliner Jusos das Thema wieder auf den Plan. Ihre Vermutung war, dass sich das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern durch das Duzen verbessern würde. Die Debatte wurde zwar groß in den Medien aufgegriffen, aber durchgesetzt hat sich der Vorschlag nicht.

Anders als an den weiterführenden Schulen ist die Duz-Quote in den Grundschulen v.a. in den ersten Klassen sehr hoch. Welche Vor- und Nachteile hätte es, wenn die Kinder ihre Lehrerinnen und Lehrer während der gesamten Grundschulzeit duzen würden?

Im Westen und Norden ist das Duzen auf dem Vormarsch

Die Inspiration für ihre Forderung gewannen die Schülersprecher aus der Betrachtung der Situation an den Grundschulen, wo sich Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler ihrer Erfahrung nach heutzutage duzen.

Dass dies so pauschal auch in Zeiten des in schwedischen Möbelhäusern üblichen „Duz-Gebots“ nicht gilt, zeigt die durch „Die Zeit“ in bildliche Form übertragene Umfrage zur „Duz-Quote“ des Siegener Germanistik-Professors Wolfgang Steinig an deutschen Grundschulen (leider inzwischen nur noch für Abonennten zugänglich).

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass Schülerinnen und Schüler im Westen und Norden Deutschlands ihre Lehrerinnen und Lehrer zwar im Unterschied zu ihren Erzieherinnen und Erziehern mit dem Nachnamen anreden, aber tatsächlich häufig bis zum Ende der Grundschulzeit duzen dürfen. Im Osten und Süden ist das förmliche „Sie“ noch weit üblicher. Insgesamt betrachtet hält sich das Verhältnis zwischen vertraulicher und förmlicher Anrede etwa die Waage.

Viel interessanter ist aber die Frage, welche Anrede mehr Vorteile für den Lernfortschritt und das Miteinander im Klassenzimmer mit sich bringt. Hier haben wir für Sie deshalb die häufig genannten Argumente für das Für und Wider zusammengetragen.

Die Qual der Wahl liegt dann wiederum bei Ihnen, da kaum eine Schule ihren Lehrkräften vorschreibt, sich duzen bzw. siezen zu lassen.

Pro Duzen: Wir-Gefühl und Vertrauen

Gerade der Übergang vom Kindergarten zur Schule bringt jede Menge Neues mit sich und nicht jedem Erstklässler fällt die Umstellung leicht. Plötzlich sollen sie längere Zeit ruhig an ihrem Platz sitzen, konzentriert mitarbeiten und nicht einfach drauflosplappern.

Während die Anrede mit dem Nachnamen noch leicht zu meistern ist, stellt das ungewohnte „Sie“ für die Schulanfängerinnen und Schulanfänger meist eine größere Hürde dar. Der Wechsel erfolgt deshalb häufig erst in der dritten oder vierten Klassenstufe – oder es wird weiter geduzt. Das Siezen wird nicht selten auch von Lehrkräften als Barriere zwischen sich und den  Schülerinnen und Schülern empfunden oder klingt nach der langen „Duz-Zeit“ einfach zu unpersönlich.

Auch Teamgeist und Zugehörigkeitsgefühl sind immer Punkte, die von Pädagoginnen und Pädagogen für die persönlichere Anrede angeführt werden. Im Buch „Deutschland, deine Lehrer“ von Christine Eichel führt Wolfgang Vogelsaenger, Leiter der IGS Göttingen-Geismar, diese Punkte als das an, was seine Schule – immerhin Trägerin des Deutschen Schulpreises 2011 – ausmacht. Dabei nennt er auch das Duzen unter Lehrkräften,  Schülerinnen und Schülern, aber auch allen anderen Angestellten, wie Putzkräften und Hausmeister, als wichtige Komponente für das Wir-Gefühl. Wobei das Duzen natürlich nur einen Teil des großen Ganzen und nicht das ganze Erfolgsgeheimnis ausmacht.

Für andere ist das „Du“ wiederum eine Hilfe auf dem Weg zu einem vertrauensvollen und harmonischen Verhältnis zwischen sich und den  Schülerinnen und Schülern. Sie bauen darauf, dass es Schülerinnen und Schülern leichter fällt, offener zu sein und sich bei Problemen jemandem anzuvertrauen, mit dem sie per Du sind.

Pro Siezen: respektvoller Umgang und Sachlichkeit

Das „Sie“ muss jedoch kein Hindernisgrund für eine gute und vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung sein: Können wir doch Menschen mögen, die wir siezen – und andere duzen, die uns unsympathisch sind. Genauso wenig verhindert das „Du“ einen Streit und gerade Beschimpfungen funktionieren weit besser in Kombination mit einem „Du“.

Das „Sie“ kann deshalb Ausdruck eines respektvollen Umgangs miteinander sein, der dann mit Erreichen der Oberstufe auch oftmals gegenseitig erfolgt.

Der Wechsel der Anrede ist für viele auch Teil des Reifungsprozesses der Kinder. Dabei ist das „Sie“ zum einen Ausdruck des Respekts gegenüber Erwachsenen, aber auch Anerkennung der Autorität von Lehrerinnen und Lehrer. Ein freundschaftliches Verhältnis ist immer wünschenswert, das „Sie“ hilft den Schülerinnen und Schülern aber zu erkennen, dass letztendlich Sie entscheiden, wie und was getan werden soll.

Vielen Kindern erleichtert das Siezen auch sachlicher zu bleiben und die Bereiche Schule und Privates, die sich besonders in der Grundschule natürlich noch häufig vermischen, besser zu trennen. Germanist Wolfgang Steinig ist zudem der Ansicht, die durch das „Sie“ geschaffene Sachlichkeit bzw. Distanz in der Sprache helfe den Kindern, sich überlegter und deshalb schriftsprachlicher auszudrücken.

Und nicht zuletzt muss das „Sie“ auch geübt werden. Das bedeutet einerseits die Auseinandersetzung mit der zusammenhängenden Grammatik, aber auch die Sensibilisierung gegenüber der richtigen Wahl der Anrede. Ein zu zeitiges „Du“ oder ein Siezen, nachdem man sich bereits geduzt hat, kann den Gegenüber ziemlich vor den Kopf stoßen und nicht selten verärgern.

Schüler und Lehrerin im Klassenzimmer
An weiterführenden Schulen konstatieren Lehrerinnen und Lehrer, dass immer mehr der neuankommenden Schüler noch große Schwierigkeiten mit der Verwendung der Höflichkeitsform haben, Quelle: Betzold

Duzen oder siezen in der Grundschule?

Ob das Duzen oder Siezen die richtige Wahl für Sie ist, entscheiden letztendlich Ihre eigenen Vorlieben. Die Anrede, mit der Sie sich wohler fühlen, ist die richtige! Für den einen mag das „Sie“ als Respektsbekundung spießig oder einfach unnötig sein, der andere braucht kein Duzen, um ein Wir-Gefühl mit der Klasse zu erzeugen.

Für die Schülerinnen und Schüler ist allerdings wichtig, die Grundschule mit dem Wissen über den korrekten Einsatz der Höflichkeitsform zu verlassen. Das Üben durch die praktische Anwendung an Ihrer Person ist dabei sicher eine einprägsame Möglichkeit.

Quellen:

Lesen Sie hier die Top 15 Sätze von Erstklässlern:

Kinder stehen vor Tafel
Zum Beitrag
Zum Beitrag
Top 15: Sätze von Erstklässlern. © contrastwerkstatt / Fotolia.com
Das könnte Sie auch interessieren
Einschulung - Erstklässler in der Schule willkommen heißen
Die erste Klasse
Schulbeginn
Basteln
Gebastelte Karten zur Einschulung
Bettina Kroker | 27.05.2026
Einschulung - Erstklässler in der Schule willkommen heißen
Die Einschulung ist für Kinder ein aufregendes Erlebnis. Die Kindergartenzeit endet und die Zeit als Schulkind beginnt. Werden Sie im kommenden Schuljahr eine 1. Klasse als Klassenlehrerin oder Klassenlehrer übernehmen? Dann hätten wir hier Anregungen für Sie, damit der erste und damit prägende Schultag den Neuankömmlingen den bestmöglichen Einstieg ins Schulleben bietet.
Weiterlesen
Ideen für den Morgenkreis in der Grundschule
Die erste Klasse
Klassenorganisation
Lehrer und Kinder sitzen draußen im Kreis
Bettina Kroker | 13.01.2026
Ideen für den Morgenkreis in der Grundschule
In diesem Blogbeitrag stellen wir Ihnen nach einem kurzen Überblick 6 Ideen vor, die Sie im Morgenkreis in der Grundschule einsetzen können, um soziale Kompetenzen und die Konzentration der Kinder zu fördern sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Klassengemeinschaft zu stärken.
Weiterlesen
Die Einschulung und den Übergang Grundschule – weiterführende Schule meistern: So gelingt der Schulstart
Schülerförderung
Die erste Klasse
Mädchen mit Schultüte
Bettina Kroker | 10.06.2025
Die Einschulung und den Übergang Grundschule – weiterführende Schule meistern: So gelingt der Schulstart
Für Kinder ist die Einschulung mit dem Übertritt von Kindergarten in die erste Klasse genauso wie der Übergang von der Grundschule an die weiterführende Schule ein großer Einschnitt: neuer Ort, andere Kinder und noch unbekannte Lehrerinnen und Lehrer. Marlene Schnathmeier, selbst Grundschullehrerin und Kinderyogalehrerin, gibt hier Tipps für diese nicht immer einfache Situation.
Weiterlesen
Anfängerfehler im Referendariat vermeiden
Lehrer-Knigge
Referendariat
Tipps fürs Ref
Lehrerin steht vor Tafel
Bettina Kroker | 30.01.2024
Anfängerfehler im Referendariat vermeiden
Referendarinnen und Referendare starten mit viel theoretischem Wissen in den Lehrerberuf. Dass in der Praxis nicht alles sofort klappt, ist normal. Aus anfänglichen Fehlern können Sie wertvolle Erfahrungen gewinnen. Einige Stolpersteine lassen sich jedoch vermeiden: Im folgenden Beitrag zeigen wir zehn häufige Anfängerfehler im Referendariat und geben praxisnahe Tipps.
Weiterlesen
Elterngespräche führen
Lehrer-Knigge
Elternarbeit
Eltern im Beratungsgespräch
Bettina Kroker | 09.01.2024
Elterngespräche führen
Ein Elterngespräch ist ein wichtiges Mittel um Informationen auszutauschen und bei Bedarf Probleme anzusprechen. Doch Elterngespräche sind nicht immer einfach. Unsere 10 Tipps helfen Ihnen konstruktiv und vorbereitet in Elterngespräche zu gehen und diese erfolgreich zu führen. Alles Tipps finden Sie hier auch als Checkliste zum Download.
Weiterlesen
Linkshänder in der Grundschule: So helfen Sie linkshändigen Kindern, Herausforderungen zu meistern
Die erste Klasse
Schülerförderung
Kinder in der Grundschule
Bettina Kroker | 30.11.2023
Linkshänder in der Grundschule: So helfen Sie linkshändigen Kindern, Herausforderungen zu meistern
Linkshänderinnen und Linkshänder treffen schon in der Grundschule auf viele Materialien, die auf Rechtshändigkeit zugeschnitten sind. Motivation kann leicht in Frustration umschlagen, wenn eine verkrampfte Handhaltung zu Schmerzen beim Schreiben führt und das Geschriebene verwischt. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie linkshändige Kinder unterstützen können.
Weiterlesen
Top 15: Sätze von Erstklässlern
Die erste Klasse
Kinder stehen vor Tafel
Bettina Kroker | 07.02.2023
Top 15: Sätze von Erstklässlern
Erstklässler sind winzig, drollig und man muss sie (meistens) einfach gern haben. Sie sind aber auch oft hibbelig, hilfsbedürftig und laut. Grundschullehrerinnen und -lehrer können sicher bestätigen, dass Unterricht in der ersten Klasse nicht immer so einfach ist, wie sich das viele vorstellen. Hier haben wir 15 typische Erstklässler-Sätze zusammengestellt :D
Weiterlesen
Sitzordnung in der Schule
Klassenorganisation
Klassenzimmer
Die erste Klasse
Schüler sitzen im Klassenzimmer
Bettina Kroker | 27.09.2022
Sitzordnung in der Schule
Reihen, Hufeisen, Gruppentische, L-Grüppchen oder eine mobile Tischanordnung - welche Sitzordnung passt zu Ihrem Unterricht?
Weiterlesen
Anlaute lernen mal anders: Anlaute im Glas
Die erste Klasse
Fachunterricht: Deutsch
DaZ
Analute im Glas: Igel wird durch Taschenlamenlicht sichtbar
Bettina Kroker | 08.09.2022
Anlaute lernen mal anders: Anlaute im Glas
Das Kennenlernen der Anlaute ist einer der ersten Schritte zum Lesen- und Schreibenlernen. Um den Kindern diesen Schritt zu erleichtern, hängen in fast allen Klassenzimmern von Erstklässlerinnen und Erstklässlern Anlauttabellen. Hier möchten wir Ihnen eine spielerische Möglichkeit zeigen, mit der Ihre 1. Klasse die Anlaute lernen kann: Anlaute im Glas!
Weiterlesen
Lehrerzimmer-Knigge: Tipps für die erste Zeit im neuen Kollegium
Lehrer-Knigge
Lehrerzimmer
Saubere Schule
Lehrerkonferenz im Lehrerzimmer
Bettina Kroker | 06.09.2022
Lehrerzimmer-Knigge: Tipps für die erste Zeit im neuen Kollegium
Neu im Kollegium und unsicher, was im Lehrerzimmer „geht“ und was nicht? Zwischen Kaffeemaschine, Sitzordnung und Du-oder-Sie lauern einige unausgesprochene Regeln. Mit diesen Tipps starten Sie souverän und mit weniger Stress in den Schulalltag und vermeiden typische Fettnäpfchen.
Weiterlesen
Book Buddies – Ein Projekt zur Leseförderung
Die erste Klasse
Leseförderung
Schülerförderung
Schulfreunde
Schulprojekte
Mädchen lesen in Sitzsäcken
Bettina Kroker | 12.07.2022
Book Buddies – Ein Projekt zur Leseförderung
Leseförderung auf Augenhöhe: Hier erfahren Sie mehr über Konzept des „Book Buddy“-Projekts.
Weiterlesen
Als Lehrerin oder Lehrer neu an der Schule
Lehrer-Knigge
Lehrerzimmer
Kinder auf dem Gang im Schulgebäude
Bettina Kroker | 07.07.2022
Als Lehrerin oder Lehrer neu an der Schule
Das müssen Sie wissen, um die erste Zeit an der neuen Schule zu meistern: Unsere Checkliste hilft, sich zurechtzufinden.
Weiterlesen

Wer schreibt hier?

Bettina Kroker
Online-Redakteurin
Seit 2014 arbeite ich bei Betzold in Ellwangen als Online-Redakteurin. Im Betzold-Blog möchte ich Lehrerinnen und Lehrern den ein oder anderen Tipp weitergeben, der den Schulalltag erleichtert und Zeit spart. Da ich stets auf der Suche nach neuen, interessanten Blog-Themen bin, freue ich mich immer über Ihre Anregungen: